Antipsychotika: Was kommt Neues?

In meinem Post vom 6. März 2013 hatte ich auf die Zulassung des ersten inhalierbaren Antipsychotikums (Adasuve – Loxapin Staccato) hingewiesen, das uns voraussichtlich in wenigen Monaten zur Verfügung stehen wird. In den nächsten wenigen Jahren ist aber mit weiteren neuen Antipsychotika bzw. neuen galenischen Zubereitungen bereits zugelassener Substanzen zu rechnen, die im Einzelfall das verfügbare Armamentarium bereichern werden. Diese will ich hier kurz vorstellen. Ich beschränke mich dabei auf die Arzneimittel, die sich mindestens in Phase III der klinischen Prüfung befinden. Detailliertere Charakterisierungen werden folgen, sobald diese Substanzen vor der Markteinführung stehen.

Aripiprazol Lauroxil (ALKS-9070): Dies ist eine Prodrug, die nach Injektion zu dem bekannten Aripiprazol verstoffwechselt wird. Es handelt sich um ein Depotpräparat für die vierwöchentliche Injektion. Entwickler ist die amerikanische Firma Alkermes, die sich darauf spezialisiert hat, verfügbare Substanzen in Depotformulierungen bereitzustellen.

Aripiprazol Depot: Dieses Präparat ist als Abilify Maintena in den USA bereits zugelassen, in Europa ist die Zulassung beantragt. Entwickler sind die japanische Firma Otsuka, die bereits die orale Form von Aripiprazol entwickelt hat, und die dänische Firma Lundbeck. Hierzu werde ich kurzfristig einen ausführlichen Beitrag veröffentlichen.

Bitopertin (RG-1678): Der Inhibitor des Glycintransporters vom Typ 1 (GlyT1), der von Roche entwickelt wird, ist eine der momentan interessantesten Neuentwicklungen. Die Substanz wird als Add-On zu einer Therapie mit einem der üblichen antidopaminergen Antipsychotika gegeben. Ziel ist die Besserung einer Negativsymptomatik, evtl. auch einer persistierenden Positivsymptomatik.

BL-1020 (CYP-1020): Hier ist das Antipsychotikum der ersten Generation Perphenazin mit GABA verestert. Der Ester wird im Hirn gespalten und GABA dort freigesetzt, wovon man sich pro-kognitive Effekte verspricht. In einer ersten Studie fand sich tatsächlich eine Wirkung auf kognitive Defizite, die über die von Placebo und Risperidon hinausging. Der Hersteller des Präparates, die israelische Firma BioLineRx, erkläre jedoch am 20. März 2013 in einer Presseerklärung, dass man nach einer Zwischenanalyse einer weiteren Studie (CLARITY trial) diese abgebrochen habe, da das Erreichen des primären Endpunktes (Überlegenheit über Risperidon hinsichtlich kognitiver Defizite) nicht mehr erwartet werde. Die Zukunft der Substanz ist nun unklar.

Brexpiprazol (OPC-34712): Diese Substanz wird ebenfalls von Otsuka und Lundbeck gemeinsam entwickelt. Sie stammt aus der Serie der partiellen Dopaminagonisten aus den Labors von Otsuka und soll eine Weiterentwicklung von Aripiprazol darstellen. Sie wird in den Indikationen Depression (als Add-On), Schizophrenie und Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung (ADHD) geprüft.

Cariprazin (RGH-188): Cariprazin ist ein partieller Agonist an Dopamin-D2- und D3-Rezeptoren mit der Besonderheit, dass die Affinität zu D3- deutlich höher ist als zu D2-Rezeptoren. Ob die Substanz sich dadurch klinisch anders verhält als z.B. Aripiprazol, werden weitere Studien und dann auch die klinische Erfahrung zeigen müssen. Cariprazin wird gemeinsam von der ungarischen Firma Gedeon Richter und den amerikanischen Forest Laboratories entwickelt.

Paliperidonpalmitat 3 Monate (PP3M): Dieses Präparat wird von Johnson & Johnson/Janssen Cilag gemeinsam mit der amerikanischen Alkermes entwickelt. Das bekannte Depotpräparat Paliperidonpalmitat, das gewöhnlich im Vierwochenabstand appliziert wird, wird hier in höherer Dosis und anderer galenischer Zubereitung nur noch einmal alle drei Monate injiziert.

Pimavanserin (ACP-103): Pimavanserin ist ein sehr selektiver inverser Agonist am Serotonin-5HT2A-Rezeptor. Das Pharmakon wird von Acadia Pharmaceuticals entwickelt. Geprüft wurde es bisher zur Behandlung der Psychose im Rahmen eines M. Parkinson und als Add-On zu einer antipsychotischen Therapie bei Schizophrenien. In beiden Indikationen liegen publizierte Studien vor, die gemischte Resultate zeigen.

Zicronapin (Lu 31-130): Die Substanz wird von Lundbeck entwickelt. Sie antagonisiert D1-, D2- und 5-HT2A-Rezeptoren. Damit ist sie den verfügbaren Antipsychotika der zweiten Generation relativ nahe. Publizierte Daten zu der Pharmakologie der Substanz fehlen jedoch. Die bisher durchgeführten klinischen Studien belegen die Wirksamkeit der Substanz, jedoch wird sie sich einem in Kürze durch zahlreiche Generika besetzten Markt nur durchsetzen können, wenn sie Vorteile gegenüber den Konkurrenten hat.

Man darf gespannt sein, welche dieser Substanzen, wenn sie denn zur Zulassung kommen, auch den deutschen Markt erreichen, da dieser für die Pharmaindustrie nur noch attraktiv ist, wenn das IQWiG zu der Einschätzung kommt, dass die neue Substanz einen Zusatznutzen mit sich bringt.

 

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5 Gedanken zu “Antipsychotika: Was kommt Neues?

    • Das ist ganz unklar. Wenn es überhaupt zugelassen wird, kann es noch Jahre dauern. Derzeit sollte man nicht darauf warten.

  1. Pimavanserin ist ja mal überraschend.
    Hat Sanofi da geschlafen? Mit Eplivanserin hatten die einen inversen 5HT2a-Agonisten bis zum Abschluß Phase III entwickelt, um dann kurzfristig die Zulassungsanträge (Durchschlafstörungen oder so) zurückzuziehen. Zumal die von Sanofi vermarkteten AP interessante Kombinationspartner darstellen würden.
    Netter blog!

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