Naltrexon und Nalmefen für die Alkoholabhängigkeit: Bedeutsame Unterschiede?

In meinem Post vom 17. März 2013 habe ich darauf hingewiesen, dass die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMA kürzlich den langwirksamen Opiatantagonisten Nalmefen für die Behandlung der Alkoholabhängigkeit zugelassen haben. In der aktuellen Ausgabe von Biological Psychiatry berichten nun Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Kollegen in einer „Priority Communication“ über die Ergebnisse der bis heute größten Studie mit Nalmefen bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit (Mann et al.,  2013). In die doppelblinde, randomisierte und placebo-kontrollierte Studie wurden 604 Patienten eingeschlossen. Sie erhielten für die Dauer von 24 Wochen entweder Placebo oder 18 mg Nalmefen. Die Substanz wurde nicht als Dauertherapie verabreicht, sondern bei Bedarf, d.h., die Patienten wurden aufgefordert, das Medikament einzunehmen, wenn sie ein Risiko für den Konsum von Alkohol verspürten (nach Möglichkeit 1-2 Stunden vor Alkoholkonsum). Obwohl auch die Einnahme von Placebo eine erhebliche Wirkung hatte, reduzierte Nalmefen den Alkoholkonsum signifikant stärker. In der mit Placebo behandelten Gruppe sank die Zahl der Tage starken Trinkens von 20 Tagen/Monat vor Studieneinschluss auf 11 Tage/Monat nach sechs Monaten. Nalmefen führte zu einer Reduktion der Tage starken Trinkens von 19 auf 8 Tage/Monat. Adjustierte man auf das unterschiedliche Baseline-Niveau, so ergab sich ein Unterschied zwischen den beiden Behandlungen von 2.3 Tagen (p = 0.0021). Die mittlere konsumierte Alkoholmenge betrug in der Placebo-Gruppe vor Behandlung 85 g Alkohol pro Tag, nach sechs Monaten 45 g/Tag. In der Nalmefen-Gruppe sank der mittlere Alkoholkonsum von 84 g/Tag auf 33 g/Tag. Baseline-adjustiert errechnete sich daraus ein signifikanter Unterschied von 11.0 g Alkohol/Tag (p = 0.0003). Ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Behandlungen zeigte sich schon nach einem Behandlungsmonat.

Die Studie zeigt vor allem zwei Dinge: Erstens, dass schon eine Behandlung mit Placebo zu einer erheblichen Reduktion des Alkoholkonsums führt, die aber mit Nalmefen noch deutlicher ausgeprägt ist. Zweitens, und vielleicht wichtiger, dass eine Behandlung der Alkoholabhängigkeit nicht unbedingt die vollständige Abstinenz zum Ziel haben muss. Mit Opiatantagonisten bekommen Patienten Medikamente an die Hand, die sie bei Bedarf, d.h., wenn sie den Drang nach Alkohol verspüren, einnehmen können.

In der gleichen Ausgabe von Biological Psychiatry findet sich unter dem Titel „Naltrexon und Nalmefen: Irgendein bedeutsamer Unterschied?“ ein Kommentar von Robert Swift von der Brown University in Providence, Rhode Island (Swift, Biol Psychiatry 2013). Die Frage beantwortet er wie folgt: „Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand gibt es, wenn überhaupt, nur minimale Unterschiede zwischen den beiden Substanzen, was die Wirksamkeit  hinsichtlich der Reduktion starken Trinkens angeht. Nalmefen mag Vorteile wegen der geringeren Hepatotoxizität und der daraus folgenden Notwendigkeit für Kontrollen der Leberfunktion aufweisen.“

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