Arzneiverordnungsreport 2012: Antipsychotika

Die Antipsychotika habe ich bisher in meiner Berichterstattung über den Arzneiverordnungsreport nicht behandelt, dies möchte ich heute nachholen. Diese wichtige Arzneimittelgruppe wird in dem Kapitel „Psychopharmaka“ behandelt. Wie schon in meinem Post vom 9.11.2012 dargestellt, leidet die Qualität des Kapitels sehr unter der unsachlichen und wenig wissenschaftlichen Darstellung der beiden Autoren Lohse und Müller-Oerlinghausen. Damit möchte ich mich hier nicht im Detail auseinandersetzen, sondern mich im Wesentlichen auf die Diskussion der Zahlen beschränken.

Lohse und Müller-Oerlinghausen fassen die Antipsychotika in drei Gruppen zusammen: Hochpotente Neuroleptika, niedrigpotente Neuroleptika und atypische Neuroleptika. Zu den hochpotenten Neuroleptika zählen sie Haloperidol, Benperidol, Fluphenazin, Fluspirilen, Thioridazin, Perazin, Flupentixol, Zuclopentixol, Pimozid und Perphenazin. In die Gruppe der niedrigpotenten Neuroleptika werden Promethazin, Melperon, Sulpirid, Levomepromazin, Pipamperon, Chlorprothixen und Prothipendyl einsortiert. Zu den atypischen Neuroleptika zählen Clozapin, Amisulprid, Olanzapin, Risperidon, Quetiapin, Aripiprazol, Ziprasidon und Paliperidon (als Depotpräparat Xeplion). Mit der Problematik dieser Klassifikation habe ich mich an verschiedenen Stellen kritisch auseinandergesetzt. Ich benutze in der Folge dennoch die o.g. Nomenklatur, da sich auch das publizierte Zahlenwerk auf diese stützt.

Die Verordnung der hochpotenten Neuroleptika hat in den letzten Jahren ganz langsam, aber kontinuierlich abgenommen. 2002 waren noch 100 Mio. DDD verordnet worden, in 2011 noch 76 Mio. DDD (laut Tabelle allerdings nur noch 70,3 Mio. DDD, hier besteht eine Diskrepanz zwischen Abbildung und Tabelle).

Folgende Mengen an hochpotenten Neuroleptika wurden in 2011 im Einzelnen verordnet (in Klammern die DDD-Nettokosten in €):

Hochpotente Neuroleptika:                          70.3 Mio. DDD         (€ 0.61)

  • Haloperidol:                                                  17.1 Mio. DDD         (€ 0.34 – 0.59)
  • Perazin:                                                        14.4 Mio. DDD         (€ 0.35 – 0.37)
  • Flupentixol:                                                   11.6 Mio. DDD         (€ 1.05 – 1.36)
  • Benperidol:                                                     9.4 Mio. DDD         (€ 0.22)
  • Fluphenazin:                                                   8.2 Mio. DDD         (€ 0.34 – 0.94)
  • Zuclopethixol:                                                 5.2 Mio. DDD         (€ 0.91)
  • Fluspirilen:                                                      2.2 Mio. DDD         (€ 1.36 – 1.61)
  • Thioridazin:                                                     1.1 Mio. DDD         (€ 0.87 – 1.63)
  • Pimozid:                                                          0.9 Mio. DDD         (€ 0.67)
  • Perphenazin:                                                   0.2 Mio. DDD         (€ 1.95)

Am stärksten zugenommen im Vergleich zum Vorjahr hat hier die Verordnung von Haloperidol (+ 4.2%). Deutlich abgenommen hat das Verordnungsvolumen von Thioridazin (- 10.1%), was zu begrüßen ist, da die Substanz wegen der hierunter auftretenden, mitunter erheblichen Verlängerung der QTc-Zeit eigentlich obsolet sein sollte.

Die Verordnung von atypischen Neuroleptika (besser: Antipsychotika der zweiten Generation) hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen, 2005 wurden erstmals mehr DDD verordnet als von den hochpotenten Antipsychotika (der ersten Generation). 2002 wurden 60 Mio. DDD verordnet, 2011 bereits 161 Mio. DDD (laut Tabelle 150,8 Mio DDD). Damit werden heute in Deutschland mehr als doppelt soviele Antipsychotika der zweiten Generation verordnet wie hochpotente Neuroleptika. Berücksichtigt man allerdings, dass die sog. niedrigpotenten Neuroleptika alle der ersten Generation angehören, so halten sich die Verordnungen etwa die Waage.

Atypische Neuroleptika wurden 2011 wie folgt verordnet:

Atypische Neuroleptika:                              150.8 Mio. DDD       (€ 5.64)

  • Quetiapin:                                                       44.4 Mio. DDD       (€ 6.92)
  • Risperidon:                                                     35.0 Mio. DDD       (€ 0.67 – 12.78)
  • Olanzapin:                                                      30.6 Mio. DDD       (€ 7.02)
  • Clozapin:                                                        14.3 Mio. DDD       (€ 1.34 – 1.93)
  • Aripiprazol:                                                     11.3 Mio. DDD       (€ 9.59)
  • Amisulprid:                                                       8.9 Mio. DDD       (€ 1.11 – 1.94)
  • Ziprasidon:                                                       5.4 Mio. DDD       (€ 6.07)
  • Paliperidon:                                                      0.9 Mio. DDD       (€ 14.42)

Obwohl also Amisulprid und Risperidon (und seit Ende 2011 auch Olanzapin) generisch verfügbar sind, ist Quetiapin das am meisten verordnete Antipsychotikum in Deutschland. Die Verordnungen nahmen 2011 gegenüber 2010 um 12% zu. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Substanz inzwischen auch gerne bei affektiven Störungen gegeben wird (und hier auch zugelassen ist). Eine Therapie mit Risperidon ist nun für weniger als 1 € tagestherapiekosten möglich; dennoch wurde das 20mal teurere Originalpräparat immer noch relativ häufig verschrieben (7.8 Mio. DDD). Die Verordnung von Aripiprazol nahm gegenüber dem Vorjahr um 17% zu.

Die Verordnung von niedrigpotenten Neuroleptika nahm gegenüber dem Vorjahr leicht um ca. 2% zu. Fast die Hälfte davon entfielen auf das überwiegend antihistaminisch wirkende Promethazin:

Niedrigpotente Neuroleptika:                                     73.2 Mio. DDD       (€ 1.09)

  • Promethazin:                                                   33.2 Mio. DDD       (€ 0.39 – 0.89)
  • Melperon:                                                        11.9 Mio. DDD       (€ 1.64 – 2.81)
  • Pipamperon:                                                   10.6 Mio. DDD       (€ 1.70 – 2.45)
  • Chlorprothixen:                                                 6.5 Mio. DDD       (€ 0.68 – 0.94)
  • Prothipendyl:                                                    3.9 Mio. DDD       (€ 1.20)
  • Sulpirid:                                                            3.6 Mio. DDD       (€ 1.79 – 2.13)
  • Levomepromazin:                                             3.5 Mio. DDD       (€ 0.89 – 2.06)

Die beiden wegen ihrer geringen anticholinergen Wirkungen in der Geriatrie gebräuchlichen Butyrophenone Melperon und Pipamperon werden relativ häufig verordnet, ihre Verordnung nahm gegenüber dem Vorjahr zu. Hier fällt allerdings das für generisch verfügbare Substanzen relativ hohe Preisniveau auf.

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