Führen Antidepressiva zu Suizidalität und aggressivem Verhalten?

Am 18. Februar 2013 strahlte die ARD die Reportage „Gefährliche Glückspillen – Milliardenprofite mit Antidepressiva“ aus. In der Sendung wird die Behauptung vertreten, dass Antidepressiva, insbesondere selektive Serotonin-Rückaufnahmehemmer (SSRI) wie Fluoxetin oder Paroxetin, zu Suizidalität, Aggressivität und Gewaltbereitschaft führen können. Diese Risiken würden von den Herstellern seit vielen Jahren heruntergespielt, und sie machten die Verordnung dieser Substanzen unvertretbar. Die Sendung hat in Deutschland ein großes Medienecho ausgelöst und viele Patientinnen und Patienten, die mit Antidepressiva behandelt werden, erheblich verunsichert. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde hat dazu nun eine Stellungnahme veröffentlicht (Gründer G, Meyer-Lindenberg A, Maier W: DGPPN-Stellungnahme  zur ARD-Reportage „Gefährliche Glückspillen“ vom 6. März 2013).

Es ist sehr bedauerlich, dass ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender einen so unsachlichen und tendenziösen Beitrag senden kann und dass sich ein ehemals geschätzter Kollege wie Bruno Müller-Oerlinghausen dazu hergeben kann, weit verbreitete Vorurteile gegenüber Psychopharmaka immer weiter zu befeuern.

 

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5 Gedanken zu „Führen Antidepressiva zu Suizidalität und aggressivem Verhalten?

  1. Ich hoffe sehr, dass der Fernsehbeitrag nicht dazu führt, dass eine antidepressive Therapie bedürftigen Patienten vorenthalten oder von diesen aufgrund fehlerhafter Information abgelehnt wird.
    Insbesondere da das Bild der breiten Öffentlichkeit einem ärztlichen Aufklärungsgespräch natürlich nicht zugänglich ist, bin ich froh über die Stellungnahme der DGPPN.
    Interessant wäre es aus meiner Sicht noch, Studien zu erwähnen, in denen die aggressionslindernde Wirkung von SSRIs bzw. der Zusammenhang zwischen einer niedrigen serotonergen Aktivität und Aggression gezeigt wird.

  2. Die Sendung hat offenbart: Der unkritische Umgang mit Antidepressiva kann schädlich sein. Aber noch schädlicher ist der unkritische und unseriöse Umgang mit Informationen, wie dies im Fernsehbericht geschah. Extreme Einzelfälle als Basis für eine Generalisierung zu verwenden, ist hoch unseriös. Kein Wort, dass Diagnose und Symptome der vorgeführten Patienten vor der Medikamentenverordnung nicht überprüft wurden, Voraussetzung für die Verordnung eines Antidepressivums. Keine Wort, warum Fluoxetin in Deutschland zugelassen wurde. Kein Wort, welche richterlich angeordneten psychologischen Untersuchungen am Patienten angestellt worden sind, aus denen auf eine gesteigerte Aggressivität geschlossen wurde. Ich empfehle nachdrücklich die Lektüre der fundierten Stellungnahme der DGPPN.

    • Wir haben uns bemüht darauf hinzuweisen, dass das unter einer Behandlung immer passieren kann, dass der Nachweis einer Kausalität sehr schwer ist. Letztendlich kann man das nur statistisch nachweisen, nicht aber für den Einzelfall. Statistisch erhöhen Antidepressiva bei Erwachsenen über 25 Jahren Suizidgedanken oder -handlungen im Vergleich zu Placebo nicht. Bei Kindern und Jugendlichen besteht dieses Risiko.

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