Arzneiverordnungsreport 2012: Antidementiva

Die „Antidementiva“ werden im Arzneiverordnungsreport 2012 nicht unter den „Psychopharmaka“ (siehe dazu meine Posts vom 9.11.2012, vom 16.12.2012 und vom 19.1.2013) behandelt, sondern in einem eigenen Kapitel. Dieses wurde auch nicht von Martin Lohse und Bruno Müller-Oerlinghausen, sondern von Ulrich Schwabe, einem der beiden Herausgeber des Arzneiverordnungsreports, verfasst. Das hat dem Kapitel gut getan, denn es ist im Gegensatz zum Kapitel „Psychopharmaka“ durchgehend sachlich und wissenschaftlich verfasst.

Die Verordnung von Antidementiva hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich gewandelt. Während 2002 noch ganz überwiegend Piracetam und Ginkgo-Präparate verordnet wurden, lag der Anteil der Verordnungen von Acetylcholinesterase-Inhibitoren (AChEI) und Memantin an der Gesamtgruppe der Antidementiva 2011 bei 77%. Die Verordnung der AChEI Donepezil, Galantamin und Rivastigmin und des NMDA-Antagonisten Memantin nimmt seit zehn Jahren kontinuierlich zu.

Folgende Mengen wurden in 2011 im Einzelnen verordnet (in Klammern die DDD-Nettokosten in €):

Acetylcholinesterase-Hemmer gesamt:        52.8 Mio. DDD         (€ 3.77)

  • Donepezil (Aricept)                               26.8 Mio. DDD         (€ 3.48)
  • Galantamin (Reminyl)                           13.0 Mio. DDD         (€ 3.80)
  • Galantamin (Galnora)                             1.2 Mio. DDD         (€ 3.10)
  • Rivastigmin (Exelon)                             11.8 Mio. DDD         (€ 4.46)

Memantin                                                     28.0 Mio. DDD         (€ 3.33)

Piracetam                                                     14.3 Mio. DDD         (€ 0.38)

Ginkgo biloba                                                 5.5 Mio. DDD         (€ 1.05)

Nicergolin                                                       1.4 Mio. DDD         (€ 0.51)

Während die Wirksamkeit von Piracetam, Ginkgo biloba und Nicergolin bei der Demenz vom Alzheimer-Typ als nicht belegt gilt, haben AChEI und Memantin eine klar belegte Wirksamkeit auf kognitive Funktionen und Alltagsaktivitäten. Das zeigen inzwischen Dutzende klinischer Studien, und auch Cochrane-Reviews kommen zu diesem Schluss. Dass sie dennoch in vergleichsweise bescheidenem Umfang verordnet werden, liegt wohl daran, dass der klinische Nutzen nach wie vor weiter kontrovers diskutiert wird. Das liegt wohl daran, dass die Wirkung beim individuellen Patienten aufgrund der Natur der Erkrankung nicht als so durchgreifend erlebt wird wie z.B. bei Antidepressiva oder Antipsychotika. Dennoch ist hier eine Tendenz zur Veränderung klar erkennbar. Wenn die Verordnung der beiden Substanzklassen heute bei 81 Mio. DDD liegt, so lag sie im Jahr 2002 noch bei nur 29 Mio. DDD.

This post is also available in: Englisch

2 Gedanken zu „Arzneiverordnungsreport 2012: Antidementiva

    • Vielen Dank für den wichtigen Hinweis.
      Ginkgo biloba-Extrakte, die pharmazeutische Mindestanforderungen erfüllen müssen, sind in Deutschland apotheken-, aber nicht rezeptpflichtig. Die Nahrungsergänzungsmittel, die man in Supermärkten und Drogerien erhält, erfüllen diese Standards nicht, ihre Qualität als Arzneimttel ist fraglich. Wirksamkeitsuntersuchungen basieren auch nur auf den standardisierten Trockenextrakten.

Please leave a comment!