Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren bei Schizophrenien

Eine sehr spannende und möglicherweise wegweisende Beobachtung bei Patienten mit Schizophrenien publizierten jetzt Johann Steiner und Kollegen aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (um den Direktor der Klinik, Bernhard Bogerts) der Universität Magdeburg in JAMA Psychiatry (ehemals Archives of General Psychiatry – online first am 23. Januar 2013). Sie fanden bei 9,9% (n = 15) einer Kohorte von 121 Patienten mit einer schizophrenen Störung Antikörper gegen NMDA-(N-Methyl-D-Aspartat)-Rezeptoren (Steiner et al., 2013). Solche Antikörper fanden sich nur bei 0,4% der 230 untersuchten Kontrollprobanden, bei keinem von 38 Patienten mit einer Borderline-Störung und bei 2,8% von 70 Patienten mit einer depressiven Störung. Dieser Unterschied war statistisch hochsignifikant auch dann, wenn man zwei Patienten aus der Gruppe derer mit einer Schizophrenie-Diagnose herausrechnete, die später die Diagnose einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis erhielten. Der Befund ist deshalb so spannend, weil man eine Minderfunktion der glutamatergen Neurotransmission über den NMDA-Rezeptor als wesentliche pathophysiologische Komponente bei Schizophrenien betrachtet (siehe dazu auch meine Vorlesung am 25.1.2013) und weil die sogenannte Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis meist mit psychiatrischen Symptomen, insbesondere Psychosen, beginnt.

Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis wurde erstmals 2007 von der Gruppe um den Neurologen Josep Dalmau von der University of Pennsylvania in Philadelphia beschrieben (Dalmau et al., 2007). Sie beginnt mit unspezifischen, grippeartigen Symptomen, die von einer Vielzahl von psychiatrischen Auffälligkeiten (Angst, Delir, psychotische Zustandsbilder) gefolgt werden. Viele der Patienten gelangen daher zunächst in psychiatrische Behandlung. Später können Krampfanfälle, Bewegungsstörungen und autonome Funktionsstörungen hinzutreten, nicht selten führt die Erkrankung ins Koma. Meist sind junge Frauen betroffen, bei denen man nicht selten ein Teratom (mit Nervenzellen) findet. Die Erkrankung stellt dann ein paraneoplastisches Syndrom dar. Regelmässig findet man antikörper gegen NMDA-Rezeptoren. Die Behandlung erfolgt durch eine immunsuppressive Therapie.

Die jetzt publizierten Befunde stellen einen wichtigen Meilenstein in der Subklassifikation schizophrener Störungen dar, weil es erstmals gelungen sein könnte, einem Teil der Patienten aus der großen, heterogenen Gruppe der Schizophrenien eine differenzierte Pathophysiologie zuzuordnen, die möglicherweise auch zu einer differenziellen Therapie führt.

Auch dem Deutschen Ärzteblatt war die Publikation einen kurzen Bericht wert. Wenn Sie den Originalartikel von Steiner et al. lesen möchten, senden Sie mir eine kurze Nachricht über das Kontaktformular, ich sende Ihnen den PDF gerne zu.

This post is also available in: Englisch

6 Gedanken zu „Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren bei Schizophrenien

  1. Pingback: Wahnsinnswoche 2016:50 - Dr. med. Ewald Proll :: Arzt für Psychiatrie / Psychotherapie

  2. Lieber Herr Prof. Gründer,

    ein wirklich spannendes Thema und vielleicht ein Silberstreif am Horizont.
    da ich gerade in diesem Zusammenhang recherchiere wäre ich für den Artikel dankbar.
    Liebe Grüsse aus Basel
    b.mescher

  3. Sehr geehrter Herr Kollege
    wo können solche Blutuntersuchungen veranlasst werden ? Besteht bei solchen Patienten mit Schizophrenie und erhöhten NMDA rezept auch eine CRP Erhöhung?
    Bestehen anamnestisch Autoimmunkrankheiten gehäuft in der Familie?

    Anlass meiner Fragen ist meine Tochter welche seit ca 1.5 Jahren betroffen ist und wo man sich nicht auf die Diagnose einigen Kann schizotype störung, schizophrenie , borderline und welche derzeit 500 mg seroquel erhält dennoch symptomatisch ist aber alltagsfähig und hochintelligent derzeit kurz vor dem abitur stehend mit 1,5 er schnitt…

    ich wäre Ihnen sehr für hilfreiche Kontaktadressen oderr tips dankbar da die behandelnden psychiater und psychologen bisher auf die anfrage von ak bestimmung unwissend reagierten

    Besten DANK

    mit kollegialen Grüssen

    Dr. Karin Forschner

    • Sehr geehrte Frau Kollegin,

      Sie können Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren (am besten aus dem Liquor!) bei Dr. Winfried Stöcker in Lübeck bestimmen lassen (www.euroimmun.de, Email: w.stoecker@euroimmun.de). Ärztliche Beratung bei Ihnen halbwegs in der Nähe gibt es bei Herrn PD DR. Johann Steiner, Universität Magdeburg.

      Eine CRP-Erhöhung ist nicht obligat, aber sie kann natürlich ein Hinweis auf einen Autoimmun-Prozess sein. Eine ganz aktuelle Publikation aus Dänemark zeigt, dass es eine familiäre Häufung von Psychosen und Autoimmunerkrankungen gibt:

      Benrós ME, Pedersen MG, Rasmussen H, Eaton WW, Nordentoft M, Mortensen PB. A Nationwide Study on the Risk of Autoimmune Diseases in Individuals With a Personal or a Family History of Schizophrenia and Related Psychosis. Am J Psychiatry. 2013 Oct 16. doi: 10.1176/appi.ajp.2013.13010086.

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Ausführungen weiterhelfen.

      Mit freundlichen Grüßen

      Gerd Gründer

  4. Lieber Prof. Gründer,

    besten Dank für die schöne Rezension. Ich habe mir erlaubt, den Text downzuloaden. Besser hätte ich den Sachverhalt / Kontext selber nicht zusammenfassen können.

    Viele Grüsse aus Magdeburg
    Vielleicht ergeben sich ja mal Anknüpfungspunkte für eine Kooperation – würde mich freuen.

    Johann Steiner

    • Lieber Herr Steiner,

      nochmals herzlichen Glückwunsch zu der ausgezeichneten Arbeit. Ich finde das Thema außerordentlich spannend, und ich fände es sehr schön, wenn wir das Thema gemeinsam weiterverfolgen würden.

      Beste Grüße

      Gerd Gründer

Please leave a comment!