Berichte vom 51. ACNP-Kongress — IV. Galantamin vermindert die Mortalität bei Alzheimer-Demenz

Heute möchte ich erneut vom 51. Kongress des amerikanischen College of Neuropsychopharmacology (ACNP), 2. – 6. Dezember 2012 in Hollywood, Florida, berichten, obwohl der Kongress bereits beendet ist. Die Studie wurde als Poster präsentiert, sie hätte es aber meines Erachtens in die „Highlights“-Session bringen müssen, in der leider die präklinischen Arbeiten dominierten (siehe dazu mein letztes Posting vom 4.12.2012).

Acetylcholinesterase-Hemmer stehen auch in Deutschland noch immer in dem Ruf, bei Patienten mit einer Demenz vom Alzheimer-Typ von zweifelhaftem Nutzen zu sein. Ihre Wirkung sei begrenzt und stehe in keinem vernünftigen Verhältnis zu den unerwünschten Wirkungen und den Kosten. Klaus Hager vom Zentrum für Medizin im Alter im Diakoniekrankenhaus Henriettenstiftungin Hannover berichtete nun von einer großen multizentrischen doppelblinden, randomisierten placebo-kontrollierten Studie an Patienten mit leichter bis mäßiger Alzheimer-Demenz, die mit Galantamin versus Placebo behandelt wurden. Während die Zulassungsstudien in der Regel eine Behandlungsdauer von sechs Monaten vorsahen, ist das Besondere an der jetzt vorgelegten Studie die Behandlungsdauer von zwei Jahren (!). Auch die Größe der Studie ist bemerkenswert. Es wurden 2225 Patienten gescreent und 2051 randomisiert. Mehr als 1000 Patienten in jeder Gruppe erhielten das Studienmedikament. Der Mini Mental State Examination (MMSE) Score war mit 19,0 Punkten vor Behandlungsbeginn in beiden Gruppen gleich. Das mittlere Alter betrug in beiden Gruppen 73 Jahre, etwa zwei Drittel der Patienten waren weiblich. Die Patienten wurden mit 16-24 mg Galantamin täglich behandelt. Primärer Wirksamkeits-Endpunkt war die Veränderung des MMSE-Scores von Baseline bis zu Monat 24, sekundärer Wirksamkeits-Endpunkt war die Veränderung in den täglichen Aktivitäten – gemessen mit der Disability Assessment in Dementia (DAD)-Skala – von Baseline bis zu den Monaten 12 und 24. Primärer Sicherheits-Endpunkt war die Mortalitätsrate.

Immerhin noch 339 der mit Galantamin und 322 der mit Placebo behandelten Patienten beendeten die Studie nach zwei Jahren. Etwa zwei Drittel der Patienten waren mit der Höchstdosis von 24 mg Galantamin behandelt worden, nur 3,4% erhielten weniger als die angestrebten 16 mg. In der Gruppe der mit Galantamin behandelten Patienten sank der MMSE-Score nach zwei Jahren (LOCF-Analyse) um 1,4 Punkte, in der Gruppe der mit Placebo behandelten Patienten um 2,1 Punkte. Dieser Unterschied war statistisch hochsignifikant (p < 0,001). Auch hinsichtlich der Veränderung des DAD-Scores war Galantamin Placebo signifikant überlegen (nach zwei Jahren: Placebo 10,8 Punkte Abnahme, Galantamin 8,2 Punkte, p = 0,002). Neu in dieser Studie aber war das Ergebnis der Analyse der Sicherheitsdaten: In der Placebo-Gruppe traten 56 Todesfälle auf (5,5%), in der Galantamin-Gruppe 33 (3,2%). Dieser Unterschied war statistisch signifikant (p = 0,011). Damit wurde die Mortalität auf fast die Hälfte gesenkt (Hazard Ratio 0,58; 95% Konfidenzintervall 0,37 – 0,89). Dabei war die Rate der unerwünschten Wirkungen bei den mit Galantamin behandelten Patienten nur etwas höher als in der Placebo-Gruppe (54,0% vs. 48,6%). Schwere unerwünschte Wirkungen waren in beiden Gruppen gleich häufig.

Dies ist die erste Studie mit einem Acetylcholinesterase-Hemmer, die nicht nur erneut zeigt, dass die Verminderung der kognitiven Leistung und der Aktivitäten des täglichen Lebens durch diese Substanzen verlangsamt werden kann, sondern auch zum ersten Mal einen Hinweis dafür liefert, dass die Mortalität durch die Behandlung gesenkt werden kann. Ob die Ergebnisse auch auf andere Acetylcholinesterase-Hemmer generalisiert werden können, ist unklar.

This post is also available in: Englisch

2 Gedanken zu „Berichte vom 51. ACNP-Kongress — IV. Galantamin vermindert die Mortalität bei Alzheimer-Demenz

  1. Hallo Herr Gruender, das ist ein sehr eleganter Blogg, herzlichen Glückwunsch!

    Zu dieser Galantamin -Studie habe ich eine Frage : wie war der Scghweregrad an Demenz dieser Patienten ?
    Beich leicht bis mittel könnte man sich ja über dei gerinengere Mortalität freuen, bei höherem Schweregrad womöglcih nicht. Welche Lehre würde man hinsichtlich dieser Sachlage ableiten ?
    Gruß
    W.Greb

    • Lieber Herr Greb,

      zunächst vielen Dank, es freut mich, dass Ihnen der Blog gefällt.

      Die Patienten hatten im Mittel einen MMSE-Score von 19, das ist schon eine mäßig ausgeprägte Demenz. Aber Sie haben natürlich Recht: Welche Lebensqualität ist mit dem Gewinn an Lebensjahren verbunden? Das ist leider nicht gemessen worden. Bei jeder lebensverlängernden Maßnahme stellt sich diese Frage ja im Grunde. Der Gewinn an Lebensqualität ist aus meiner Sicht nur dann ein Gewinn, wenn die Patienten weiterhin aktiv am Leben teilnehmen können und auch die Angehörigen, die die Patienten ja in der Regel pflegen, nicht zusätzlich belastet werden.

      Beste Grüße

      Gerd Gründer

Please leave a comment!