Berichte vom 51. ACNP-Kongress — III. Ist das noch translationale Forschung?

Beim 51. Kongress des amerikanischen College of Neuropsychopharmacology (ACNP), 2. – 6. Dezember 2012 in Hollywood, Florida, wurden in der ersten Postersession am 3. Dezember 214 Posters präsentiert. Dabei ist es erschreckend schwer gefallen, noch Posters zu finden, die nicht tierexperimentelle, sondern klinische, am Menschen gewonnene Daten zum Inhalt hatten. Etwa zwei Drittel der Poster berichteten über tierexperimentell gewonnene Daten. Die Zahl der Poster, die über die klinische Prüfung eines Arzneimittels berichtete, war noch erschreckender: acht! In den beiden noch folgenden Postersessions am heutigen Dienstag und am Mittwoch wird es ähnlich sein. Damit setzt sich ein Trend fort, der sich schon in den letzten Jahren abgezeichnet hat: Klinische Forschung spielt im ACNP nahezu keine Rolle mehr. Das zeigt sich nicht nur in den Postersessions, sondern auch in den Symposien (sog. Panels). Die Zahl der überwiegend klinisch orientierten Symposien lässt sich an einer Hand abzählen, ein einziges ist nach meiner Einschätzung rein klinisch (ein Symposium über die wesentlichen Veränderungen, die DSM-V, das im Mai 2013 veröffentlicht werden soll, mit sich bringt). Interessant ist dabei, dass dennoch sämtliche Forschungsarbeit, die hier präsentiert wird, als „translational“ bezeichnet wird. Die Zahl der Präsentationen, die explizit „translationale“ Modelle für psychische Störungen vorlegen, geht in die Dutzende. Dabei haben die meisten der Wissenschaftler, die diese Modelle vorschlagen, noch nie einen echten Patienten gesehen. Oft wissen sie gar nicht, von welchen Störungen sie reden. Das Unverständnis zwischen präklinisch arbeitenden Wissenschaftlern und Klinikern scheint in den letzten Jahren eher deutlich größer als kleiner geworden zu sein. Die wenigsten Kliniker durchschauen noch die Modelle, die von den Präklinikern in immer größerer Zahl und in immer größerer Komplexität vorgelegt werden. Der Kongress des ACNP dokumentiert auch, dass Forschungsförderung in den amerikanischen Biowissenschaften zu einem immer größeren Teil in die patientenferne, präklinische und tierexperimentelle Forschung fließt. Wie diese Entwicklung in der Zukunft zu besseren, spezifischeren und nebenwirkungsärmeren Pharmaka führen soll, ist nicht absehbar. Echte klinische Forscher sind hier zwar anwesend, sie kommen aber kaum zu Wort. Aus meiner Sicht ist hier ein Umdenken notwendig, das der klinischen Forschung wieder mehr Raum einräumt. Auch die pharmazeutische ZNS-Forschung wird ihre gegenwärtige schwere Krise nicht überwinden, wenn sie ausschließlich darauf setzt, präklinische Modelle für psychische Störungen zu entwickeln und ihre Pharmaka daran zu testen. Nach meiner Überzeugung sollte ein neues Pharmakon sehr frühzeitig offen an Patienten getestet und seine biologischen Wirkungen mit den verschiedenen heute zur Verfügung stehenden Methoden charakterisiert werden.

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2 Gedanken zu „Berichte vom 51. ACNP-Kongress — III. Ist das noch translationale Forschung?

    • Das hat vielerlei Gründe. Zum einen sicher ganz klar wissenschaftspolitische. Tierversuche sind schneller und einfacher zu machen als Humanexperimente. Man kann sie schneller publizieren, was für viele Wissenschaftler der zentrale Motor ihrer Arbeit ist. Man kann an Tieren auch viele Dinge machen, die am Menschen unmöglich sind. Zum anderen spielt aber auch eine Rolle, dass man durch diese Art präklinische Forschung hofft, die Biologie psychischer Erkrankungen besser zu verstehen. Vor 50 Jahren hat man Medikamente in die Klinik eingeführt, die hochwirksam sind, deren Wirkungsweise man aber nicht verstanden hat. In den letzten 20 Jahren gab es keine großen Innovationen mehr. Das versucht man jetzt zu ändern durch den präklinisch orientierten Ansatz. Ich denke, die Zukunft liegt in einem innovativen Mittelweg.

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