Berichte vom 51. ACNP-Kongress — II. Ist Ketamin auch bei Zwangsstörungen wirksam?

Beim 51. Kongress des amerikanischen College of Neuropsychopharmacology (ACNP), 2. – 6. Dezember 2012 in Hollywood, Florida, berichteten Carolyn I. Rodriguez und Kollegen von der Columbia-University in New York am gestrigen Tag über die Ergebnisse ihrer kleinen Pilotstudie zur Anwendung von Ketamin bei der Zwangsstörung. Die sehr rasche antidepressive Wirkung des NMDA-Rezeptorantagonisten Ketamin bei depressiven Störungen – gerade auch bei Therapieresistenz – wurde in zahlreichen Studien gezeigt. Dies gilt sowohl für uni- wie auch für bipolare Depressionen. Eine kleine offene Fallserie legte kürzlich auch eine Wirkung von Ketamin bei Zwangsstörungen nahe. Dies wurde in einer weiteren offenen Studie bestätigt, wobei hier die Patienten multipel mediziert waren und überwiegend zusätzlich unter einer komorbiden Depression litten. Rodriguez und Mitarbeiter berichteten jetzt über ihre doppelblinde, placebo-kontrollierte Studie im Crossover-Design bei Patienten mit einer Zwangsstörung, die nicht mediziert waren und allenfalls eine mildere depressive Symptomatik aufwiesen.

Zehn Patienten erhielten entweder eine Kochsalz oder Ketamin (0,5 mg/kg) als Infusion über 40 Minuten. Die beiden Infusionen wurden im Abstand von mindestens einer Woche verabreicht, wobei die Reihenfolge randomisiert war. Die Zwangssymptomatik, gemessen mit der Yale-Brown Obsessive-Compulsive Scale (YBOCS), musste mit einem Score von > 16 mindestens moderat ausgeprägt sein, während eine depressive Symptomatik, gemessen mit der Hamilton Depression Rating Scale (HAMD), mit einem Score von < 25 nicht zu schwer sein durfte. Die Zwangssymptomatik wurde mit der YBOCS vor Behandlung und nach sieben Tagen quantifiziert. Um akute Veränderungen von Zwangsgedanken zu erfassen, wurde eine visuelle Analogskala angewendet (OCD-VAS). Die depressive Symptomatik wurde vor Behandlung und einen sowie drei Tage nach der Infusion erfasst. Das Ansprechen auf die Behandlung wurde als Reduktion der Symptomatik um mindestens 35% definiert.

Vor Behandlung betrug der mittlere YBOCS-Score 27,1. Die Infusion von Ketamin führte zu einer äußerst raschen Reduktion von Zwangsgedanken. Die OCD-VAS Scores waren drei Stunden nach Infusion um 90% abgesunken, 80% nach einem Tag, 60% nach zwei Tagen, 50% nach drei Tagen und noch immer 50% nach einer Woche. Der Score auf der YBOCS war nach einer Woche um 50% reduziert. Die Patienten, die Ketamin zuerst erhalten hatten und somit auch nach 14 Tagen noch evaluiert werden konnten, wiesen zu diesem Zeitpunkt immer noch eine Reduktion des YBOCS-Scores um 40% auf. Der mittlere HAMD-Score vor Behandlungsbeginn betrug nur 4,2; er wurde auf 1,8 reduziert (p = 0,058).

Die Autoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass Ketamin neben seinen antidepressiven auch sehr rasch einsetzende antiobsessive Eigenschaften hat, die bei der Hälfte der Patienten mindestens eine Woche anhalten. Die Ergebnisse werden bei größeren Patientenzahlen in parallelen Gruppen zu bestätigen sein. Die Aufklärung der Mechanismen, die die breite Wirksamkeit von Ketamin bei psychischen Störungen bedingen, wird hoffentlich zur Entwicklung von neuen Therapiestrategien führen.

 

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2 Gedanken zu „Berichte vom 51. ACNP-Kongress — II. Ist Ketamin auch bei Zwangsstörungen wirksam?

  1. Hallo,

    wie stellt man sich vor, dass explizit “Zwangsgedanken” durch eine Chemikalie beeinflusst werden können? Haben solche Gedanken einen klar lokalisierbaren Ursprung in einem bestimmten Hirnareal bzw. sind sie mit bestimmten Transmittern assoziiert? Kann man das mit PET visualisieren?

    Viele Grüße
    Leo

    • Das ist ganz unklar. Die Frage ist ja schon fast philosophisch: Wie kommt man von einem chemischen Prozess zu so etwas wie “Gedanken”? Der Inhalt der Gedanken ist wahrscheinlich gar nicht das, was beeinflusst wird, sondern eher das “Zwanghafte”. Es gibt ganz gute Hypothesen dazu, wie solche Zwänge entstehen. Da greift man wohl mit Ketamin ein. Die genauen Prozesse sind jedoch unbekannt. Ich kann mir im Moment auch keine Studie mit PET vorstellen, mit der man das untersuchen könnte.

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