Berichte vom 51. ACNP-Kongress — I. Botulinumtoxin A als Antidepressivum

Beim 51. Kongress des amerikanischen College of Neuropsychopharmacology (ACNP), 2. – 6. Dezember 2012 in Hollywood, Florida, berichteten Eric Finzi und Norman Rosenthal vom Chevy Chase Cosmetic Center in Chevy Chase, Maryland, heute in der „Hot Topics“ Session über die Ergebnisse ihrer doppel-blinden, placebo-kontrollierten Studie mit Botulinum-Toxin A bei Patienten mit einer Depression. Schon Charles Darwin schlug vor, dass nicht unbedingt die Stimmung eines Menschen ihren Niederschlag in dessen mimischem Ausdruck findet, sondern dass umgekehrt bestimmte mimische Haltungen auf Stimmung und Emotionalität zurückwirken können. Diese Hypothese wurde später von dem amerikanischen Psychologen William James zur „facial feedback hypothesis“ ausgebaut. Darwin war es auch, der beschrieb, dass depressive Menschen unter einer Überaktivität des Korrugators (Musculus corrugator supercilii, der „Stirn- oder Augenbrauenrunzler“) leiden. Injiziert man Botulinumtoxin in die Glabellaregion (die Region oberhalb der Nasenwurzel), so wird das Stirnrunzeln für etwa drei Monate effektiv gelähmt.

Finzi schloss in seine Studie Patienten mit einer depressiven Störung ein.  Mehr als 80% der Patienten in beiden Gruppen litten an einer rezidivierenden Depression. Die mittlere Dauer der aktuellen depressiven Episode betrug 27,9 Monate. Sie mussten einen Score von mindestens 26 auf der Montgomery-Asberg-Depressions-Rating-Skala (MADRS) aufweisen. Sie erhielten dann randomisiert entweder Onabotulinumtoxin A (OBA) (Frauen 29 U, Männer 40 U) oder Placebo (0,9% NaCl). Therapieansprechen wurde definiert als eine Reduktion des MADRS-Scores von mindestens 50%, Remission als Reduktion des Scores auf einen Wert von 10 oder darunter. Die Patienten wurden nach drei und nach sechs Wochen reevaluiert.

84 Patienten wurden randomisiert, 41 erhielten OBA und 43 Placebo. OBA zeigte sich Placebo hinsichtlich der Reduktion des MADRS-Scores statistisch hochsignifikant überlegen. In der mit OBA behandelten Gruppe reduzierte sich der Score um 47,0%, in der Placebo-Gruppe um 20,6% (p < 0,0004). Die Ansprechrate in der OBA-Gruppe betrug 51,5% und nur 14,6% in der Placebo-Gruppe (p < 0,0009). Auch die Remissionsrate war in der OBA-Gruppe signifikant höher (27,3% versus 7,3%, p < 0,03).

Diese interessante Studie zeigte eine sehr beeindruckende Überlegenheit von Botulinumtoxin gegenüber Placebo bei Patienten mit einer depressiven Störung, der der weiteren Evaluation bedarf. Der Wirkmechanismus ist unklar, jedoch vermutet der Autor, dass ihm das Konzept der „emotionalen Propriozeption“ zugrundeliegt, nach dem das Hirn kontinuierlich die relative Bedeutung von mimischen Ausdrücken monitore und diese dadurch erheblichen Einfluss auf die Stimmung hätten.

Auf ihrer Website suchen der plastische Chirurg Finzi und sein Kollege Norman Rosenthal, der selbst Psychiater ist, weiter Patienten für ihre Studie.

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Ein Gedanke zu „Berichte vom 51. ACNP-Kongress — I. Botulinumtoxin A als Antidepressivum

  1. Das Problem von Henne und Ei – Prägt depressives Empfinden die Mimik oder prägt die Mimik depressives Empfinden?
    Ich dachte bisher immer, dass die depressive Mimik als eine Folge des depressiven Empfindens zu betrachten ist. Der umgekehrte Gedanke scheint mir sehr gewöhnungsbedürftig. Kann die Gesichtsmuskulatur tatsächlich Vorgänge im Gehirn beeinflussen? Ich bin hier skeptisch, lasse mich aber gern überzeugen. Spannendes Thema!

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