Ein Drittel aller Demenzen ist vermeidbar

Die Lancet-Kommission „Dementia Prevention, Intervention and Care“ hat am 20. Juli 2017 im renommierten Fachblatt Lancet ihren Bericht vorgelegt (Livingston et al., Lancet, publiziert online am 20. Juli 2017). Die Autoren bezeichnen darin die Demenz als die „größte globale Herausforderung für Gesundheit und soziale Systeme im 21. Jahrhundert“.

Bild: Dirk Maus / pixelio.de

Im Jahr 2015 waren weltweit etwa 47 Millionen Menschen an einer Dement erkrankt, und nach gegenwärtigen Schätzungen wird sich diese Zahl bis 2050 etwa verdreifachen. Die durch die Erkrankung verursachten Kosten betrugen 2015 etwa 818 Milliarden US-Dollar, und auch diese werden sich dramatisch erhöhen, weil die Zahl der alten Menschen weltweit immer weiter ansteigt, was natürlich auf die an sich positive Entwicklung der ansteigenden Lebenserwartung zurückzuführen ist. Die Prävalenz von Demenzen steigt also an, d.h die Zahl der Erkrankten in einer definierten Bevölkerung, berechnet als Quotient aus der Anzahl der betroffenen Personen einer Population und der Anzahl aller Personen dieser Population. Interessanterweise zeigen einige neuere Studien, dass die altersbezogene Inzidenz, d.h. die Zahl der Neuerkrankungen in einer definierten Population pro Zeiteinheit, in einigen Industriestaaten in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist. Menschen im Alter von über 65 Jahren sind heute in einigen Industrienationen kognitiv gesünder und leistungsfähiger als die gleichaltrigen Kohorten früherer Generationen. Dies muss auf den Einfluss von modifizierbaren Risikofaktoren zurückzuführen sein. Während man früher eine Demenz als ein genetisch determiniertes, unveränderbares Schicksal hinnahm, zeigen viele Studien der letzten Jahre, dass es eine ganze Reihe von Risikofaktoren für Demenzen gibt, auf die jeder einzelne Einfluss nehmen und dadurch sein Erkrankungsrisiko reduzieren kann. Die Veränderung des Lebensstils kann dann bedeuten, dass viele Menschen den Verfall ihrer kognitiven Leistung nicht mehr erleben und an einer anderen Erkrankung versterben. Aber selbst die Verschiebung des Erkrankungsbeginns um nur einige Jahre hätte gewaltige Konsequenzen für Betroffene, Familien und soziale Systeme.

Nach den Berechnungen der Mitglieder der Lancet-Kommission könnten etwa 35% der Demenzen vermieden werden, wenn diese modifizierbaren Risikofaktoren ausgeschaltet würden. Das ist eine gewaltige Zahl. So fordern sie dazu auf, die Prävention als eine ambitionierte Aufgabe zu betrachten („Be ambitious about prevention“). Eine Schlüsselbotschaft ihres sehr umfangreichen Papiers ist die folgende:

„Wir empfehlen eine aktive Behandlung von Bluthochdruck im mittleren Alter (45-65 Jahre) und bei älteren Menschen (älter als 65 Jahre) ohne Demenz, um die Inzidenz von Demenzen zu reduzieren. Die Beeinflussung anderer Risikofaktoren, einschließlich mehr Bildung, Bewegung, die Aufrechterhaltung sozialen Engagements, die Verringerung des Rauchens und die Behandlung von Hörverlust, Depressionen, Diabetes und Fettleibigkeit hat das Potenzial, ein Drittel aller Demenz-Fälle zu verzögern oder zu verhindern.“

An verschiedenen Stellen hatte ich in der Vergangenheit in diesem Blog darauf hingewiesen, dass die Veränderung von Lebensstilfaktoren auch zu einer besseren Welt führen kann, zum Beispiel in meinem Essay „Psychiaterinnen und Psychiater für eine bessere Welt“. Das wird immer wieder kritisiert mit dem Argument, hier werde eine unsinnige „Selbstoptimierung“ betrieben. Hier geht es jedoch nicht um Selbstoptimierung, sondern um die Schaffung einer Welt, in der möglichst viele Menschen möglichst lange zufrieden und glücklich im Kreis ihrer Lieben leben und ihr Potential entfalten können. Der amerikanische Autor und Entrepreneur James Altucher schreibt dazu sehr treffend in seinem Buch „Reinvent Yourself“ (S. 226): „Die Gesellschaft besteht aus Individuen. Der einzige Weg, die Gesellschaft zu verbessern, ist der Weg von einem Ort der tiefen, indivuellen Zufriedenheit“.

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Ein Gedanke zu „Ein Drittel aller Demenzen ist vermeidbar

  1. Ja, !!!!!! der Meinung bin ich auch. Wenn man von allen Zutaten eine gute Prise nimmt, kann viel positive Energie umgesetzt werden und viel für die kostbare Gesundheit getan werden. Lebensqualität ist der Lohn. Die Freiheit gönn ich mir.

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