Ernährung: Ein Megathema für die Psychiatrie der Zukunft

In mehreren Beiträgen habe ich in der Vergangenheit in diesem Blog auf die Bedeutung von Ernährungsfaktoren für die psychische Gesundheit hingewiesen. Jetzt hat die International Society for Nutritional Psychiatry Research (ISNPR) dies mit der Durchführung ihres ersten internationalen Kongresses, der gegenwärtig (30. Juli bis 2. August 2017) in Bethesda, Maryland, USA stattfindet, unterstrichen.

Dabei zeigen international renommierte Experten, dass Ernährung nicht einfach ein marginaler Faktor von vielen ist, der die Entstehung und den Verlauf von psychischen Erkrankungen beeinflusst. So hat Michael Crawford, Direktor des Institute of Brain Chemistry and Human Nutrition am Imperial College London, in einem mit Standing Ovations gefeierten Plenarvortrag gezeigt, dass die Versorgung des Menschen mit der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA), die für die Evolution des menschlichen Gehirns von zentraler Bedeutung war, seit Jahrzehnten abnimmt. Er wie auch andere Plenarvortragende zeigten eindrucksvoll, dass die sich weltweit verändernden Ernährungsgewohnheiten ein globales soziales Problem sind, das die Entwicklung der gesamten Menschheit betrifft. Crawford bezeichnete die sich in den Zahlen der WHO zur globalen Last durch Erkrankungen („global burden of disease“) ausdrückende stetige Zunahme der Bedeutung psychischer Störungen und die damit einhergehenden explodierenden Kosten als „most serious crisis for mankind“, die noch über die Bedeutung des Klimawandels hinausgehe. Alan Logan vom in-FLAME-Netzwerk, USA, kritisierte, dass das Budget der NASA um ein Vielfaches höher sei als das des National Institutes of Mental Health (NIMH). „Der Mars kann warten“, wenn es um die psychische Gesundheit des Menschen gehe.

Die Präsidentin der Gesellschaft, Felice Jacka von der Deakin University aus Australien, wies darauf hin, dass Bluthochdruck und schlechte Ernährung die beiden größten Killer des Menschen seien. Die Kosten, die durch schlechte Ernährung entstünden, beliefen sich im Jahr 2030 auf 30 Billionen US-Dollar. Westliche Ernährung sei mit höheren Depressionshäufigkeiten verbunden, während die mediterrane Ernährung diese senke.

Susan Prescott von der University of Western Australia wies in ihrem eindrucksvoll illustrierten Plenarvortrag darauf hin, dass die in allen westlichen Gesellschaften zu beobachtende Veränderung der Ernährung (mit einer zum Teil dramatischen Zunahme von prozessierten Nahrungsmitteln) über die Jahrzehnte zu einer Abnahme der Diversität von Bakterienstämmen im menschlichen Darm (die sog. „Mikrobiota“) geführt hat. [Mikrobiom ist die Gesamtheit aller bakteriellen Genome, Mikrobiota die Gesamtheit der Mikroorganismen]. Wir wissen heute, dass Gehirn und Mikrobiom in enger Wechselwirkung miteinander stehen. Mehrere der Vortragenden, so auch der weltweit anerkannte Experte John Cryan vom University College Cork in Irland, postulierten, dass die langfristige Veränderung des Mikrobioms zu Veränderungen der psychischen Gesundheit der westlichen – und mit der weltweiten Ausbreitung westlicher Ernährungsgewohnheiten auch darüber hinaus – führen müsse.

Mehrere Referenten befassten sich auch mit der Ernährung von Schwangeren. Vor allem Marlene Freeman von der Harvard-University wies darauf hin, dass die Ernährung einer Schwangeren nicht nur die Entwicklung des Fetus direkt betrifft, sondern über epigenetische Mechanismen auch die darauffolgenden Generationen. Im Tier lässt sich klar zeigen, dass eine Minderversorgung der Schwangeren mit Omega-3-Fettsäuren zu Entwicklungsstörungen bei den Nachkommen führt, aber auch beim Menschen wird eine Fehlernährung in der Schwangerschaft mit dem Auftreten bestimmter Störungen wie Autismusspektrumstörungen oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Zusammenhang gebracht. Auch Felice Jacka betonte, dass die Ernährung während der Schwangerschaft Einfluss auf die kognitive Entwicklung der Nachkommenschaft habe. So gebe es Hinweise, dass das Volumen des Hippocampus direkt durch die Ernährung beeinflusst sei. Susan Prescott wiederum wies darauf hin, dass die Ernährung des Säuglings das Mikrobiom wesentlich beeinflusse. Eine dramatische Zunahme von Allergien bei Kindern sei mindestens zum Teil auf die sich verändernde Ernährung von Säuglingen in den letzten Jahrzehnten zurückzuführen.

Die Liste der in Bethesda präsentierten interessanten Befunde, die oftmals allerdings noch den Status der Hypothese haben, ließe sich beliebig fortsetzen. Der Einfluss von Ernährungsfaktoren auf die psychische Gesundheit des Menschen ist allerdings inzwischen unbestritten. Ihnen kommt vor allem präventive Bedeutung zu, aber auch therapeutische Ansätze, z.B. mit Omega-3-Fettsäuren, werden zunehmend geprüft. Das Problem ist hier jedoch, dass die Industrie kein Interesse an der Durchführung solcher Studien hat, weshalb sie oft zu klein sind, um die Wirksamkeit der Intervention nachzuweisen. Hier ist der Staat gefragt, die Überprüfung dieser Ansätze mit ausreichend Mitteln zu fördern.

Ich bin davon überzeugt, dass das Thema Ernährung von der Psychiatrie noch nicht ausreichend wahrgenommen wird, obwohl es sich um eines der Megathemen einer Psychiatrie der Zukunft handelt.

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Ein Gedanke zu „Ernährung: Ein Megathema für die Psychiatrie der Zukunft

  1. Ich möchte darauf hinweisen, daß diese Befunde und Überlegungen auch retrospektiv relevant sind und sowohl psychische Erkrankungen als auch demenzielle Erkrankungen heute mitverursacht sein können durch die miserable Ernährungslage in Deutschland während der letzten Kriegs- und Nachkriegsjahre.

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