Wie die Medizinerausbildung ihre eigenen Patienten macht

Es ist schon eine Weile her – im Dezember 2015 –, dass das renommierte amerikanische Journal of the American Medical Association (JAMA) ein systematisches Review bzw. eine Metaanalyse zur Prävalenz von Depressionen und depressiver Symptome bei Ärzten in der Facharztweiterbildung publiziert hat (Mata et al., JAMA 2015; 314: 2373-2383). Ich war schon damals darauf aufmerksam geworden, möchte jedoch ein Erlebnis mit einer Medizinstudentin, deren Mentor ich im Rahmen eines Mentoringprogramms an der Aachener Medizinischen Fakultät bin, zum Anlass nehmen, jetzt noch darüber zu berichten. Die Ergebnisse der ersten in JAMA publizierten Analyse wurden nun zudem durch eine gleichartige Studie an Medizinstudierenden, publiziert von der gleichen Gruppe, bestätigt (Rotenstein et al., JAMA 2016; 316: 2214-2236).

Bild: Ligamenta Wirbelsäulenzentrum  / pixelio.de

Die Autoren der ersten JAMA-Studie fanden 54 im Zeitraum zwischen 1963 und 2015 publizierte Studien (31 Querschnittsstudien, 23 longitudinale Studien), die die Prävalenz (Anteil einer Gesamtpopulation, der an einer bestimmten Erkrankung erkrankt ist) von Depressionen oder von depressiven Symptomen bei Ärztinnen und Ärzten in der Facharztweiterbildung (im amerikanischen Gesundheitssystem sind das sog. „Residents“) untersuchten. Sie fanden einen erschreckend hohen Wert von im Mittel 28,8%. Das heißt, mehr als jeder vierte Arzt oder Ärztin in der Facharztweiterbildung wies zum Untersuchungszeitpunkt depressive Symptome auf. Über die etwa 50 Jahre des Untersuchungszeitraumes nahm die Prävalenz statistisch signifikant zu.

Die Heterogenität der Studien war sehr hoch, und die Prävalenzen schwankten je nach Untersuchungsinstrument zwischen 21% und 43%. Auch basierten die Ergebnisse fast immer auf Untersuchungen mittels Selbstratings. Ein echtes psychiatrisches Interview – der Goldstandard, wenn eine psychische Störung diagnostiziert werden soll – fand in der Regel nicht statt. Selbst wenn diese Zahlen zu hoch sind, sind sie dennoch alarmierend.

In der zweiten, vor einigen Monaten publizierten Studie untersuchten die Autoren die Prävalenz von Depressionen und depressiven Symptomen bei Medizinstudierenden. Hier wurden insgesamt 183 Studien aus dem Zeitraum 1982 bis 2015 untersucht. Auch hier fanden die Autoren eine erschreckend hohe Prävalenz von im Mittel 27%. Suizidgedanken fanden sich bei 11% der befragten Personen. Wenn ich also eine Vorlesung vor 200 Studierenden halte, dann sitzen dort ungefähr 20 junge Menschen, die sich mit Suizidgedanken quälen. 16% der Medizinstudierenden, die beim Screening mit depressiven Symptomen aufgefallen waren, hatten psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen.

Es ist leider meine langjährige Erfahrung als Psychiater, dass viele unserer Medizinstudierenden und jungen Kolleginnen und Kollegen unter dem enormen Stress des Studiums und ihrer Berufstätigkeit sehr leiden und oftmals sogar darunter zusammenbrechen. Schon lange denke ich, dass das auch damit zu tun hat, wie wir an den Medizinischen Fakultäten lehren bzw. wie unsere Studierenden lernen. Dies wurde nun eindrucksvoll bestätigt, als mir die o.g. Studentin – die nicht selbst betroffen ist – erzählte, dass jeder Studierende an unserer Fakultät aufgrund seiner Leistungen kontinuierlich gerankt werde. Wenn man sich auf die persönliche Seite innerhalb des Lehr- und Lernportals der Fakultät einwähle, bekomme man in der Seitenleiste seine Position im Ranking aller Studierenden seiner Kohorte angezeigt. So machen wir uns unsere Patienten!

Kultiviert wird hier das, was die Stanford-Psychologin Carol Dweck „statische Geisteshaltung“ nennt (beschrieben in ihrem exzellenten Buch „Mindset“). Es vergleicht und bewertet Menschen aufgrund ihrer gezeigten Leistungen, bemisst im Extremfall den Wert des Menschen anhand seiner Leistungen – oder auch anhand seiner Position im Ranking. Vermittelt wird hier die Haltung, dass es nicht so sehr darauf ankommt, sich persönlich auszubilden, sich zu entwickeln, sein Potential zu entfalten und eine kompetente Ärztin oder ein kompetenter Arzt zu werden, sondern sich in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Faktenwissen einzuverleiben, um seine Position im Ranking zu verbessern. Viele Gespräche mit den Studierenden unserer Fakultät – und das wird anderswo nicht anders sein – haben mir gezeigt, dass es über die gesamte Dauer des Studiums eigentlich ganz überwiegend darum geht, besser zu sein als die anderen, und nicht nur das, auch den anderen zu zeigen, dass man besser ist als sie. Das hebt das Selbstbewusstsein! Was aber, wenn man mal Schwäche zeigt? Wenn man plötzlich ein paar Plätze im Ranking abfällt? Das zerstört das Selbstbewusstsein, löst Stress aus und führt am Ende in die Depression.

Wir müssen eine dynamische Geisteshaltung fördern, die sich am persönlichen Wachstum orientiert, die kritische Menschen schafft, die auch ihr Arztsein als dynamischen Prozess versteht, in und an dem man reifen kann. Das gegenwärtige Modell der „Wissensvermittlung“ an unseren medizinischen Fakultäten steht dem diametral entgegen, und es macht ganz offensichtlich krank. So kommen denn auch die Autoren der zweiten JAMA-Studie zu dem Schluss: „Mögliche Ursachen für depressive und suizidale Symptomatik bei Medizinstudierenden sind wahrscheinlich Stress und Angst, die Folgen der Konkurrenzsituation an den medizinischen Fakultäten sind. Restrukturierung von medizinischen Lehrplänen und Bewertungssystemen (z. B. die Verwendung eines Bestanden-Durchgefallen-Bewertungsschemas anstatt eines gestaffeltes Benotungsschemas und die Förderung des kollaborativen Gruppenlernens durch das Bildungsmodell des “umgedrehten Unterrichts“) könnte diese Belastungen reduzieren.“

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