Ist die Psychiatrie auf dem richtigen Weg? Ein Statement von Tom Insel

Im Jahr 2015 hat die Nachricht, dass Tom Insel, der damalige Direktor des amerikanischen National Institute of Mental Health, die Behörde verlässt und zu Google wechselt, erhebliche Diskussionen nicht nur unter amerikanischen Psychiatern, sondern auch international ausgelöst. Nach nur etwa 1 ½ Jahren bei Verily (früher Google Life Sciences, einem Ableger von Google bzw. jetzt Alphabet, der sich der Überwindung der großen Volkskrankheiten verschrieben hat) verlässt Insel jetzt Verily und wechselt zu dem kalifornischen Startup Mindstrong.

Sowohl bei Verily als auch bei Mindstrong hat Insel sich zur Aufgabe gemacht, psychische Störungen durch einen „digitalen Phänotyp“ zu beschreiben. Die genauen Hintergründe seines Wechsels sind in einem schönen Artikel im amerikanischen Magazin „Wired“ dargestellt. Sehr bemerkenswert erscheinen mir nun aber die Worte, mit denen Insel sein Verlassen des NIMH in 2015 begründet:

„In meinen 13 Jahren am NIMH habe ich wirklich die Erforschung der Neurobiologie und der Genetik psychischer Störungen vorangetrieben. Wenn ich zurückblicke, dann glaube ich, dass es mir gelungen ist, die Publikation einer Menge richtig cooler Papers durch coole Wissenschaftler zu ziemlich hohen Kosten – ich denke, etwa 20 Milliarden Dollar – zu unterstützen. Was wir nicht erreicht haben, ist die Reduktion von Suizidraten, die Reduktion von Krankenhausaufnahmen oder auch die echte Erholung („Recovery“) der Dutzenden von Millionen Menschen mit psychischen Störungen. Dafür mache ich mich selbst verantwortlich.“

Eine ernüchternde, aber ehrliche Bilanz. Die letzten Jahre der Arbeit Insels am NIMH standen ganz im Zeichen der Suche nach Biomarkern für psychische Störungen. Damit eng verknüpft ist die Propagierung eines neuen, biologisch fundierten Klassifikationssystems für psychische Störungen (Research Domain Criteria, RDoC), das die phänomenologisch orientierte Klassifikation des DSM-5 ablösen soll (siehe dazu auch mein gerade veröffentlichtes Vorlesungsvideo zur Psychiatrischen Klassifikation). Während die internationale akademische – gerade auch die deutsche – Psychiatrie enthusiastisch diesem Weg folgt, scheint sich ihr Protagonist schon wieder davon zu verabschieden. Auch ich persönlich halte das RDoC-System für einen reduktionistischen Irrweg, der der Besonderheit psychischer Erkrankungen in keiner Weise gerecht wird. Dazu bereite ich gerade eine Publikation vor. Ob allerdings die „digitale Signatur“ psychischer Störungen erfolgreicher sein wird als genetische oder biologische Biomarker, wenn es um die Verbesserung des langfristigen Outcomes dieser so häufigen, dabei aber so komplexen, Störungen geht, möchte ich zumindest anzweifeln. 

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