Lurasidon: Eine neue Therapieoption für die bipolare Depression?

In der Februar-Ausgabe des American Journal of Psychiatry wurden zwei Studien mit der neuen Substanz Lurasidon bei bipolarer Depression sowie ein darauf Bezug nehmendes Editorial publiziert, die mir sehr erwähnenswert erscheinen. Lurasidon ist eigentlich ein Antipsychotikum. Die Substanz ist in den USA bereits zugelassen, und zwar sowohl in den Indikationen Schizophrenie wie auch bipolare Depression. Das europäische Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der Arzneimittelzulassungsbehörde EMA hat am 23. Januar 2014 eine Zulassungsempfehlung ausgesprochen. Damit ist auch in der EU in Kürze mit der Zulassung zu rechnen. Da bei der bipolaren Depression die Behandlungsoptionen bisher sehr begrenzt sind, erscheint mir diese Indikation besonders wichtig.

Lurasidon ist, wie viele andere Antipsychotika der zweiten Generation, ein kombinierter D2-/5-HT2-Rezeptorantagonist. An 5-HT1A-Sertoninrezeptoren wirkt die Substanz als partieller Agonist. Was Luasidon interessant macht, ist der Antagonismus an 5-HT7-Rezeptoren. Im Tiermodell hat Lurasidon antidepressive Eigenschaften. Bei Mäusen, bei denen man den 5-HT7-Rezeptor ausschaltet (5-HT7 Knockout), verliert die Substanz diese Wirkungen.

In der ersten der nun publizierten Studien wurde Lurasidon Patienten mit bipolarer Depression als Monotherapie gegeben und mit der Gabe von Placebo verglichen (Loebel et al., Am J Psychiatry 2014; 171:160–168). Die Studie war dreiarmig: Lurasidon wurde in zwei verschiedenen flexiblen Dosierungen verabreicht, entweder mit 20-60 mg täglich oder mit 80-120 mg täglich. Die Gruppen umfassten jeweils 161 bzw. 162 Patienten. Beobachtungsdauer war sechs Wochen, primäre Zielkriterien waren die Veränderung des Gesamtscores der Montgomery-Asberg-Depressions-Rating-Skala (MADRS) bzw. der Clinical Global Impression-Skala (CGI). Beide Dosisbereiche waren Placebo hinsichtlich der primären Zielvariablen signifikant überlegen. Nach sechs Wochen war der MADRS-Score in beiden mit Verum behandelten Patientengruppen um jeweils 15,4 Punkte gefallen, in der Placebogruppe aber nur um 10,7 Punkte. Dies entspricht einer mittelgroßen Effektstärke von 0,51. Der CGI-Score fiel unter Placebo um 1,1 Punkte, unter 20-60 mg Lurasidon um 1,8 Punkte (Effektstärke 0,61) und unter 80-120 mg Lurasidon um 1,7 Punkte (Effektstärke 0,50). Der Behandlungseffekt war ab Woche zwei signifikant. Unerwünschte Wirkungen traten in allen drei Gruppen gleich häufig auf. Das Ausmaß der antidepressiven Wirkung war insgesamt vergleichbar jenem von Quetiapin in dieser Indikation. Quetiapin gilt in vielen Behandlungsleitlinien als Mittel der ersten Wahl bei bipolarer Depression.

In der zweiten Studie wurde Lurasidon zusätzlich zu einer bestehenden Therapie mit entweder Lithium oder Valproinsäure gegeben (Loebel et al., Am J Psychiatry 2014; 171:169–177). Diese Studie entspricht vielleicht eher der klinischen Realität als die o.g. Monotherapiestudie, da Patienten mit einer bipolaren Störung oftmals mit einem Stimmungsstabilisierer behandelt sind. Diese Studie war zweiarmig, 183 Patienten wurden mit Lurasidon behandelt und 165 mit Placebo. Lurasidon wurde flexibel zwischen 20 und 120 mg täglich dosiert. Behandlungsdauer und Zielkriterien waren die gleichen wie in der Monotherapiestudie. Nach sechs Wochen war der MADRS-Score unter Lurasidon um 17,1 Punkte gefallen, unter Placebo um 13,5 Punkte (Effektstärke 0,34). Der CGI-Score fiel um 1,96 bzw. 1,51 Punkte (Effektstärke 0,36). In dieser Studie separierte Lurasidon signifikant von Placebo nach drei Behandlungswochen. Auch in dieser Studie war die Häufigkeit von unerwünschten Wirkungen in den beiden Behandlungsgruppen gleich. Eine mögliche Erklärung für die höhere Ansprechrate auf Placebo als in Monotherapiestudien bei bipolarer Depression sehen die Autoren in der Medikation mit einem Stimmungsstabilisierer.

Die berichteten Ergebnisse sind angesichts der wenigen Therapieoptionen bei der schwer zu behandelnden bipolaren Depression vielversprechend. Die number needed to treat (NNT), um ein Therapieansprechen (Response) zu erreichen, lag in der ersten Studie bei 5, in der zweiten bei 7. Die NNT, um eine Remission zu erreichen, lag in den beiden Studien bei 6 bzw. 7 und 7. Dies sind sehr gute Werte, die hoffen lassen, dass demnächst eine wichtige weitere Behandlungsoption für bipolare Depressionen zur Verfügung steht. Lurasidon weist gegenüber Quetiapin den Vorteil auf, gewichtsneutral zu sein. Allerdings treten dosisabhängig extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen auf. Man darf gespannt sein, ob der G-BA der Substanz einen Zusatznutzen attestiert.

 

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5 Gedanken zu „Lurasidon: Eine neue Therapieoption für die bipolare Depression?

  1. Fänden Sie für solche Fälle nicht viel eher Asenapin interessant? Die Substanz schneidet besser im Interaktionsverhalten ab, hat deutlich weniger Nebenwirkungen, ist von der Bioverfügbarkeit her berechenbarer. Die subjektive Verträglichkeit ist besser. Allenfalls die Sedation ist auf lange Sicht problemtisch, wobei im Rahmen einer Erhaltungstherapie sicher auch die Dosis nach unten hin angepasst werden kann.

    • Das Problem ist, dass es keinerlei Hinweise dafür gibt, dass Asenapin in dieser Indikation wirksam ist, ganz zu schweigen von der fehlenden Zulassung. Die “berechenbare” Bioverfügbarkeit sehe ich auch nicht, denn die fehlende Berechenbarkeit sehe ich gerade als Hauptproblem von Asenapin.

      • Naja, garkeine Hinweise schiesst etwas über das Ziel hinaus: Azorin JM, Sapin C, Weiller E. Effect of asenapine on manic and depressive symptoms in bipolar I patients with mixed episodes: results from post hoc analyses. J Affect Disord 2013; 145:62.
        Bei Lurasindon finde ich die Notwendigkeit der Einnahme mit einer Mahlzeit schwierig. Danke für die Antwort.

        • Ein Beleg für die Wirksamkeit bei bipolarer Depression ist die prospektive, kontrollierte Studie bei Patienten mit einer bipolaren Depression. Und eine solche gibt es für Asenapin meines Wissens nicht.

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