Schlechte Nachrichten nicht nur für Roche, sondern für die Psychiatrie

Am vergangenen Dienstag, den 21. Januar 2014, hat der Schweizer Pharma-Konzern Roche eine Presseerklärung zu den ersten Ergebnissen von zwei Studien der Phase III mit seinem Glycintransporter-Inhibitor Bitopertin (RG-1678) bei Patienten mit Schizophrenien veröffentlicht. Auf das Potential der Substanz hatte ich bereits in meinem Beitrag vom 19.4.2013 hingewiesen.

In der Presseerklärung heißt es:

“Roche (SIX: RO, ROG; OTCQX: RHHBY) gab heute bekannt, dass in zwei Phase-III-Studien mit dem Prüfmedikament Bitopertin (RG1678) bei Erwachsenen mit anhaltenden, überwiegend negativen Symptomen der Schizophrenie der primäre Endpunkt nicht erreicht wurde. Die Bewertung stützte sich auf den Faktor-Score für negative Symptome gemäss der Positive and Negative Syndrome Scale (PANSS). Negative Symptome der Schizophrenie sind unter anderem sozialer Rückzug und Antriebsschwäche.

In den beiden Studien bewirkte die Zugabe von Bitopertin zur antipsychotischen Therapie keine signifikante Reduktion der negativen Symptome nach 24 Wochen im Vergleich mit Placebo. Bitopertin war allgemein gut verträglich und das Sicherheitsprofil war vergleichbar mit dem in der früher kommunizierten Phase-II-Studie (NN20372).”

Eine dritte Studie läuft noch. In drei weiteren Studien wird Bitopertin bei nicht ausreichend kontrollierten Positivsymptomen geprüft. Ergebnisse dieser Studien liegen noch nicht vor. Hier geht es zur vollständigen Presseerklärung.

Diese Ergebnisse sind nicht nur für Roche enttäuschend. Sie stellen einen Rückschlag für die gesamte Psychiatrie dar, die seit Jahren auf wirklich neue Pharmaka mit innovativen Wirkmechanismen wartet. Gerade Medikamente mit Wirksamkeit gegen die schizophrene Negativsymptomatik sind dringend notwendig, um die langfristige Beeinträchtigung durch schizophrene Störungen zu verbessern. Dementsprechend groß sind die Hoffnungen, die man in Bitopertin setzt. Auch die Reaktion in der Fach- und Wirtschaftspresse war enorm.

Man wird nun die Ergebnisse der vier anderen Studien abwarten müssen. Vor allem aber darf man auch auf die genaue Datenanalyse, z.B. hinsichtlich der sekundären Endpunkte, gespannt sein.

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7 Gedanken zu „Schlechte Nachrichten nicht nur für Roche, sondern für die Psychiatrie

  1. Sehr geehrter Hr. Professor ,

    Wir hoffen sehr auf ein positives Ergebnis zur Prüfung von Bitoertin.Wäre eine Benachrichtigung über neue Beiträge möglich?Wir danken dafür.

    Mit freundlichen grüßen Familie Heimbuch

    • Sehr geehrte Familie Heimbuch,

      Roche hat die Entwicklung von Bitopertin schon vor längerer Zeit eingestellt. Es gibt allerdings eine ähnliche Substanz eines anderen Herstellers, deren Prüfung gerade beginnt. Bis es Ergebnisse gibt, wird jedoch noch Jahre dauern.

      Mit freundlichen Grüßen

      Gerd Gründer

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Gründer,

    hinter Ihrer Hoffnung auf eine pharmakologische Behandlungsmöglichkeit der Negativsymptomatik steckt unausgesprochen ein pathophysiologisches Modell von dem Syndrom als einem einstellbaren, also bloß verstellten System. Ich vermute jedoch dahinter nicht nur gestörte Funktionen, die man quasi nur ankurbeln muß, sondern beschädigte und defiziente zerebrale (morphologische) Funktionssysteme. Aus diesem Grund sehe ich die immer wieder hoffnungsvoll entwickelten und jeweils enttäuschenden Pharmaka gegen Negativsymptome auch als eine gewisse Augenwischerei an.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Chacy

  3. Sehr geehrter Herr Kocak,

    das ist für einen Psychiater wirklich eine reine Routinesache. Man erhöht langsam die Dosis des einen Präparates und reduziert die Dosis des anderen. Man kann das sehr langsam machen, zum Beispiel über vier Wochen, aber oft geht das auch schneller.

    Es ist mir leider aus rechtlichen Gründen nicht möglich, eine persönliche Beratung auszusprechen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gerd Gründer

  4. Sehr geehrter Herr Professor,

    meine Familie hofft auf ein positives Ergebnis zur Prüfung von Bitopertin.
    Ist eine Benachrichtigung über neue Beiträge möglich?

    Danke und freundliche Grüße

    Günter Schweinfurth

    • Sehr geehrter Herr Schweinfurth,

      wenn Sie sich in den Email-Verteiler eintragen (auf der Startseite oben rechts), bekommen Sie bei jedem neuen Post eine Nachricht. Über den Fortgang der Entwicklung von Bitopertin werde ich ganz sicher berichten.

      Mit freundlichen Grüßen

      Gerd Gründer

      • Sehr geehrter Herr Gründer,

        wie ist Ihre Meinung und wie fallen die Ergebnisse aus über das neue Antipsychotikum Latuda mit dem Wirkstoff Lurasidone?

        Würde mich über eine Antwort freuen.

        lg

        stefan posch

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