Ist der Glycintransporter-Inhibitor Sarkosin auch bei Depression wirksam?

Inhibitoren des Glycintransporters vom Typ 1 (GlyT1) zählen derzeit zu den aussichtsreichsten Substanzen zur medikamentösen Behandlung psychischer Störungen. Ihre Anwendung bei schizophrenen Störungen ist am weitesten entwickelt, der GlyT1-Inhibitor der Firma Roche (Bitopertin®) befindet sich in klinischen Studien der Phase III. Ausgangspunkt dieser Entwicklung waren Studien von Guochuan Tsai und Mitarbeitern mit Sarkosin. Sarkosin ist als natürlich vorkommende Aminosäure ein GlyT1-Inhibitor, der sich gegen alle psychopathologischen Dimensionen bei schizophrenen Störungen als wirksam erwiesen hat. Die gleiche Gruppe hat nun die Hypothese untersucht, dass Sarkosin durch eine Verstärkung der glutamatergen Neurotransmission auch antidepressive Eigenschaften haben sollte. Die Ergebnisse ihrer Studien an Ratten und Menschen haben die Wissenschaftler kürzlich in dem renommierten Fachjournal „Biological Psychiatry“ veröffentlicht (Huang et al., Biol Psychiatry 2013, 74: 734-741).

In einer Serie von Standard-Tiermodellen für Depressionen (forced swim test, tail suspension test, elevated plus maze test, novelty-suppressed feeding test, chronic unpredictable stress test) wurde Sarkosin an Ratten geprüft. In diesen Modellen zeigte die Substanz Eigenschaften, wie sie für Antidepressiva typisch sind. Wichtiger aber ist eine kleine randomisierte, doppelblinde Therapiestudie mit zweimal 20 Patienten mit einer depressiven Störung mit Citalopram als Vergleichssubstanz. Die Studie wurde in Taiwan durchgeführt. Die Behandlungsdauer betrug sechs Wochen. In den ersten beiden Behandlungswochen erhileten die Patienten entweder 20 mg Citalopram oder 500 mg Sarkosin, in den Wochen 3 und 4 entweder 2 x 20 mg Citalopram oder 2 x 500 mg Sarkosin. In den beiden letzten Behandlungswochen bestand die Option der Dosiserhöhung auf 60 mg Citalopram oder 1500 mg Sarkosin. Bei Behandlungsbeginn waren beide Patientengruppen mit ca. 24 Punkten auf der Hamilton-Depressionsskala (HAMD) mittelschwer erkrankt.

Die Depression war – gemessen an der HAMD – unter Sarkosin nach zwei Wochen ebenso wie nach vier und sechs Wochen signifikant stärker gebessert als unter Citalopram. Nach sechs Wochen Behandlung mit Citalopram betrug der HAMD-Score noch 14,0 Punkte (Baseline: 24,5), unter Sarkosin noch 9,4 Punkte (Baseline: 23,7). Nach sechs Wochen erfüllten 14 von 20 Patienten unter Sarkosin das Kriterium für ein Therapieansprechen, unter Citalopram aber nur 4 von 20. Nur ein Patient, der mit Citalopram behandelt wurde, erreichte eine Remission, aber 13 der mit Sarkosin behandelten Patienten. Beide Gruppenunterschiede waren statistisch signifikant (p = 0,004 bzw. < 0,001). Die Verträglichkeit von Sarkosin war ausgezeichnet, relevante unerwünschte Wirkungen traten nicht auf.

Die Autoren schlussfolgern, dass ihre Studie nahelege, dass Sarkosin eine sehr rasch und ausgesprochen gut wirksame, dabei sehr nebenwirkungsarme antidepressive Therapie sein könnte. Die Wertigkeit der Studie wird durch das Fehlen eines Placeboarmes und die hohe Dropout-Rate im Citalopram-Arm eingeschränkt. Auf jeden Fall erscheinen größere Studien mit Placebo und aktiver Kontrolle gerechtfertigt.

Von einem Verständnis der Bedeutung der glutamatergen Neurotransmission bei psychischen Störungen ist man jedoch weit entfernt. Wie ist es sonst zu erklären, dass Ketamin als NMDA-Rezeptorantagonist ebenso antidepressiv wirksam ist wie Sarkosin, eine Substanz, von der man vermutet, dass die sie glutamaterge Neurotransmission verbessert?

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