Die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Menschen

Jeder kennt wohl das Gefühl, sich verändern zu müssen, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Mir geht es dann so, dass ich anfange, mich von Ballast der Vergangenheit trennen zu wollen. Ich fange an aufzuräumen und wegzuwerfen. Heute bin ich dabei auf ein paar Seiten Papier mit einer Geschichte gestossen, die ich als 21-jähriger geschrieben habe (die Geschichte ist datiert). Es muss das Ende meines ersten Wintersemesters gewesen sein, der Präparierkurs lag gerade hinter mir, ich hatte an der Leiche meine spätere Frau kennengelernt (damals war sie jedoch noch mit Michael zusammen). Ich würde die Geschichte heute im Detail anders schreiben, aber schon damals habe ich die Gefühle und Gedanken niedergelegt, die mich bis heute beschäftigen. Daher will ich die Geschichte heute veröffentlichen, und zwar ohne jede Veränderung, nach vielen vielen Jahren:

Die Geschichte des Fahrstuhlführers G.

I. Die Jugend des Fahrstuhlführers G.

Es ist heute unbekannt, wann der Fahrstuhlführer G. zum Fahrstuhlführer wurde. Würde man ihn fragen – wenn man ihn noch fragen könnte – so erhielte man keine Antwort, denn G. war es niemals klar gewesen, wann er zum ersten Mal den Fahrstuhl geführt hatte. Zuweilen meinte er, schon in den Fahrstuhl hinein geboren worden zu sein, zuweilen aber ließ ihn der Gedanke nicht los, dass man ihn plötzlich, ohne äußeren Anlass – zumindest schien es keinen zu geben, der ihm bewusst war – in dem Fahrstuhl ausgesetzt hatte, ohne ihn zu fragen, ob er denn in Zukunft den Fahrstuhl führen wolle.

Es schien sich auch niemand darum gekümmert zu haben, ob G. denn zum Fahrstuhlführer geeignet sei; in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Fahrstuhlführer hatte man ihm dies und das gezeigt, und er hatte gelernt, seinen kleinen Fahrstuhl, der nur wenige Personen tragen konnte und nur über wenige Stockwerke verkehrte – welche, ist heute unbekannt –, mit großem Geschick zu steuern. Nach einigen Jahren aber hatte G. mit allen Fahrstuhlführerkollegen an einer Schulung teilnehmen müssen. Der genaue Sinn war ihnen allen unklar gewesen, aber da man mit so wenig Dienstjahren und Erfahrung die Frage nach dem Sinn der Schulung nicht stellen wollte, ja, nicht konnte, nahm man eben teil. Im übrigen stellte man Ihnen in Aussicht, bei erfolgreicher Schulung einen größeren, schöneren Fahrstuhl führen zu dürfen.

In diesen Jahren beförderte G. viele Menschen in seinem Fahrstuhl. Viele fuhren nur ein Stockwerk mit und stiegen dann wieder aus, andere begleiteten G. über mehrere Stockwerke, ja, es gab sogar einige, die mit G. seine ganze Strecke bewältigten. Es erschien in G. manchmal – es kam nicht allzu oft vor – sehr seltsam, dass der eine oder andere offenbar ziellos mit ihm hinauf und hinunter fuhr, so als verbinde ihn etwas mit diesen Passagieren. Immer aber waren auch diese nach einiger Zeit ausgestiegen – denn sie hatten ja anderes zu tun, als mit G. Fahrstuhl zu fahren. Fragte man G. heute nach diesen Passagieren – wenn man ihn noch fragen könnte – so erhielte man keine Antwort, denn G. erinnerte sich nur schwach an diese Zeit.

Fragt man die Passagiere nach dem Fahrstuhlführer G., so flackert bei dem ein oder anderen die Erinnerung an seine blaue Uniform auf, seine schwarzen, immer blank geputzten Schuhe, seine kleine, runde Kappe, die er immer etwas schräg auf dem Kopf trug. Alle Fahrstuhlführer waren damals so gekleidet.

Aber all dies kümmerte G. nur wenig. Auf den verschiedenen Fahrstuhlführer-Schulungen machte er sehr gute Fortschritte, er gehörte immer zu den Besten. Er träumte von einem jener großen, prächtig geschmückten Fahrstühle, die er nur von fern kannte. Die Führer dieser Fahrstühle waren hoch angesehen; G. träumte davon, irgendwann einen solchen Fahrstuhl führen zu dürfen. Er wusste zwar, dass diese Fahrstühle wegen ihrer Schwerfälligkeit nur über wenige Stockwerke verkehrten, aber das schien ihm nicht weiter wichtig, obwohl er manchmal gerne gewusst hätte, wie es in den tiefen und den hohen Stockwerken aussehe. Er kannte niemanden, der den Fahrstuhlschacht in ganzer Länge durchmessen hätte, ja, es schien überhaupt niemanden zu geben, der hierzu die Fähigkeit hatte. Wohl hatte er gehört, dass vor vielen 100 Jahren einzelne Fahrstuhlführer gelebt hatten, die dazu in der Lage waren, aber er wusste nicht, wie weit man diesen fabelhaften Erzählungen Glauben schenken durfte. Diese Fahrstuhlführer hatten in fremden Ländern gelebt und durchweg kleine, schmucklose Fahrstühle geführt, was ihm sehr seltsam erschien. Heute schien niemand mehr ein Interesse daran zu haben, möglichst weit in den Schacht vorzustoßen; man strebte nach möglichst großen, schönen Fahrstühlen.

Der Fahrstuhlführer G. absolvierte die Prüfung zum Fahrstuhlführer II. Klasse mit der besten Note seines Kurses und erhielt einen Fahrstuhl, um den ihn viele beneideten. Man erwartete von ihm, auch die Schulung zum Fahrstuhlführer I. Klasse mit Bravour zu absolvieren, denn die Fähigkeiten dazu hatte er durchaus. Diese Fähigkeiten seien eine Verpflichtung, sagte man ihm damals, und G. war stolz darauf. Er würde eine glänzende Zukunft als Fahrstuhlführer haben.

II. Die Zukunft des Fahrstuhlführers G.

Es ist heute unbekannt, wann die Zukunft des Fahrstuhlführers G. begann. Würde man ihn fragen – wenn man ihn noch fragen könnte – so erhielte man keine Antwort, denn G. hatte immer gemeint, die Zukunft laufe vor ihm davon.

In jener Zeit hatte G. mehr wichtige Passagiere befördern dürfen als in seiner Jugend. Einige begleiteten ihn lange auf seinen Fahrten den Fahrstuhlschacht hinauf und hinab; viele hatte er gezeichnet, um sich ihrer zu erinnern, wenn auch Sie den Fahrstuhl verlassen würden; denn dass das geschehen würde, schien immer klar zu sein.

Es begab sich dann zuweilen, dass G., wenn wieder mal ein lang gekannter Gast seinen Fahrstuhl verließ, aus Verbitterung und Wut – worüber, ist heute unbekannt – nicht nur alle übrigen Fahrgäste auch hinaus warf, sondern auch sämtliche Zeichnungen in kleine Fetzen riss und quer durch den Fahrstuhl schleuderte. Da G. seinen Fahrstuhl niemals von diesen Fetzen reinigte, häuften sie sich immer mehr an, so dass G. mit der Zeit immer größere Schwierigkeiten bekamen, seinen Fahrstuhl sicher zu führen; auch schreckten viele Fahrgäste vom Betreten seines Fahrstuhls zurück, da es ja viele Fahrstühle gab, in denen unbeschwerteres Fahren möglich war. (Freilich verschwanden die Fetzen, als G. seinen Posten als Fahrstuhlführer niederlegte, und niemand weiß heute etwas über die Zeichnungen zu berichten.)

G. wusste es gut zu verbergen, dass er in der Führung seines Fahrstuhls behindert war, und selbst, als er eines Tages – welcher Tag es war, ist heute unbekannt (es ist ja einer dem anderen so ähnlich) – die Kontrolle über seinen Fahrstuhl verlor, schöpfte niemand Verdacht. Er war gerade auf einer Fahrt nach unten gewesen, als sein Fahrstuhl mit ihm durchging. Niemand weiß heute, wie tief der Fahrstuhl hinuntersauste, bevor G. ihn endlich stoppen konnte. G. war viele Stockwerke tiefer, als er jemals zuvor gewesen war. Hier unten war tiefes Dunkel, G. sah die Hand vor Augen nicht, ja, es war ihm, als seien dort unten alle Sinne eingeschränkt (dabei gehört es doch heute sozusagen zum allgemeinen Kenntnisstand, dass man dort unten aus Sparsamkeitsgründen keine Beleuchtung montiert hat, weil sich so selten jemand in diese entlegenen Stockwerke verirrt).

Damals jedenfalls dachte sich G., dass das wohl an der schlechten Luft liegen müsse. Er hatte mal von einem alten, weisen Mann gehört (er lebt heute in einem jener Häuser, wo man Menschen schützt, die nicht mehr ganz klar im Kopf sind), der gesagt haben soll, dass man in jenem rauschartige Zustände meine, nicht mehr nur ein Fahrstuhlführer zu sein, sondern alle in einer Person. Oder auch kein einziger. Wer weiß, was er damit gemeint hat?!

G. fühlte sich sehr unwohl; hier unten schienen sich Krankheit, Leid und Tod ein Stelldichein zu geben. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als möglichst schnell von diesem schrecklichen Ort wegzukommen. Nie zuvor hatte er einen derart abgründigen Ort kennen gelernt. So sauste er in seinem doch schon ziemlich heruntergekommenen Fahrstuhl wieder nach oben. In seinem Eifer, die Kellergeschosse – denn solche waren es zweifellos – möglichst weit hinter sich zu lassen, schoss er über das je zuvor erreichte Stockwerk weit hinaus – welche Parallelität!

Dort oben fand er eine seltsame, fast schon abstoßende Stille, was wohl kein Wunder ist; spielt sich das wirkliche Leben nicht weiter unten ab? Ist man dort aber nicht auch dem Keller viel näher?

So oder so ähnlich jedenfalls dachte sich G., als er, des langen Wartens auf Fahrgäste müde, langsam wieder abwärts fuhr, dorthin, wo man von ihm seine Pflichterfüllung erwartete. Nur mit Unbehagen freilich tat er es, denn mit Schauern dachte er an den Keller, der so fern schien und doch so drohend nah war. Schon in jenen Tagen hinterließ der Kampf um die Frage, wohin sich zu richten sei, seine Spuren in ihm.

Es ist nicht in allen Details bekannt, was sich in der kommenden, sehr kurzen Zeit, im Fahrstuhl von G. abspielte. Die Englischlehrerin B. muss G. dazu verführt haben, den Keller noch tiefer zu erkunden. Dabei muss in G. angesichts der strahlenden Helle, die Ausgelassenheit und Glück ausstrahlte – Helle und Dunkelheit scheinen dort unten nur durch wenige Stockwerke getrennt zu sein, vielleicht gar nur ein einziges, wer weiß das schon – einen Augenblick unachtsam gewesen sein. Man erzählt sich, dass der Kohlenschlepper H. die Englischlehrerin B. entführt habe und dabei G.’s Fahrstuhl so demolierte, dass die Spuren dieser Tat noch sehr lange Zeit sichtbar waren (die Englischlehrerin B. sah G. übrigens nie wieder).

Aus Verbitterung, sich so gehen gelassen zu haben, war G. damals soweit hinauf gefahren, dass ihn wohl niemand erreichen würde. Niemals mehr wollte er den Keller aufsuchen; warum ist eigentlich immer unklar geblieben, denn heutzutage erlebt doch jeder Fahrstuhlführer solch kleine Tragödien.

In den langen, einsamen Stunden, von deren Art G.’s Karriere jetzt viele hatte, kam ihm jetzt manchmal der Gedanke, als würde mit jedem Stockwerk, dass er gewänne, der Fahrstuhlschacht um Dutzende Stockwerke von fremder Hand verlängert. (Freilich lernt man heute schon in der Schule, dass es nur die technischen Möglichkeiten sind, deren Entwicklungsstand ein Erreichen der höchsten Stockwerke unmöglich macht. Aber davon abgesehen, dass es unserem fähigen jungen Nachwuchs sicher eines Tages gelingen wird, einen entsprechenden Fahrstuhl zu bauen: wozu soll das schon gut sein?)

Der Rest von G.’s Karriere als Fahrstuhlführer ist schnell erzählt: noch einmal wurde G. verführt, und zwar von der Prostituierten J. Aber auch sie muss seinen Fahrstuhl nach einiger Zeit wieder verlassen haben; als sie Monate später einmal seinen Fahrstuhl benutzte, soll sie ihm gesagt haben, dass sie nur so lange mit ihm gefahren sei, weil gerade kein anderer Fahrstuhl frei gewesen sei.

So kam es, wie es kommen musste: in einem Berg von Papierfetzen orientierungslos im Fahrstuhlschacht auf und ab rasend, manövrierend wie ein Betrunkener, gewährte G. keinem Fahrgast mehr Einlass. Aber wer hätte auch schon Einlass verlangt bei einem solch unzuverlässigen Fahrstuhlführer? So endete die Karriere des Fahrstuhlführers G.

III. Das Ende des Fahrstuhlführers G.

Es ist heute unbekannt, wann und warum der Fahrstuhlführer G. seine Karriere als Fahrstuhlführer beendete. Würde man ihn fragen – wenn man ihn noch fragen könnte – erhielte man keine Antwort, denn es war G. niemals bewusst gewesen, dass er seine Karriere als Fahrstuhlführer beendet hätte (dabei weiß doch heute jedes Kind, dass jeder Fahrstuhlführer irgendwann sein Amt niederlegen muss!). Es erinnert nur noch eine kleine Gedenktafel an G.’s altem Fahrstuhl daran, dass einer der ungezählten Fahrstuhlführer der Fahrstuhlführer G. war.

Die englische Übersetzung folgt.

3 Gedanken zu „Die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Menschen

  1. Die Geschichte wirkt etwas morbide auf mich, erinnert an unruhige Träume in bewegten Zeiten. Die mysteriöse Parabel lässt in mir Vorstellungen aus den Themenbereichen Lebensbogen, Trennung, Einsamkeit, Partnerschaft, Tod, Kontrollverlust und Selbstverlust anklingen. Etwas beunruhigend finde ich, dass das Thema Weiblichkeit in gewisser Nähe zum Tod steht. Die spätere Ehefrau über der Leiche, die im Keller vergewaltigte Lehrerin, die Prostituierte, die den letzten Auslöser zur Verwahrlosung darstellte…
    Ausserdem musste ich daran denken wie wichtig für mich als Psychiater die eigene analytische Selbsterfahrung war, also selbst einmal die Patientenrolle eingenommen zu haben. So habe ich die Sicherheit im eigenen Keller fast jeden verborgenen Winkel zu kennen. Heute fahre ich mit meinen Patienten in den Schacht hinab und stehe ihnen dabei zur Seite, ohne selbst Angst im Dunkel zu haben zu müssen. Den Kohlenschlepper habe ich kennengelernt, von Nahem ein ganz umgänglicher Genosse….

    • Ein sehr interessanter Kommentar, der viel Wahrheit hat. Gottseidank habe auch ich in der Zwischenzeit eine gewisse Selbsterfahrung gemacht, aber bestimmte (Lebens-)Gefühle bleiben immer.

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