Die innovativsten Medikamente der letzten 25 Jahre

In der Juni-Ausgabe von Nature Reviews Drug Discovery veröffentlichten Aaron Kesselheim und Jerry Avorn von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, die Ergebnisse ihrer Umfrage unter Ärzten nach den innovativsten Medikamenten (eigentlich Medikamente, die die Arzneimitteltherapie am stärksten umgestaltet haben, im Original „the most transformative drugs“) der letzten 25 Jahre (Kesselheim und Avorn, Nat Rev Drug Discov 2013, 12: 425-431).Befragt wurden in einem strukturierten Delphi-Prozess (eine etablierte Methode, die in strukturierten Befragungen mit wiederholtem Input der Teilnehmer iterativ zu einem Konsens gelangt) etwa 180 Experten an 30 amerikanischen akademischen medizinischen Zentren aus 15 medizinischen Fachrichtungen.

Bewertet wurden 434 zwischen Januar 1985 und Dezember 2009 in den USA neu zugelassene Substanzen, die jeweils einer der 15 Fachrichtungen zugeordnet wurden. Letztendlich wurde jede Substanz von zwischen 9 und 16 Experten bewertet. Das Kriterium, das am häufigsten als entscheidend für ein hohes Ranking angegeben wurde, war die „verbesserte Wirksamkeit“. Danach folgten in absteigender Häufigkeit: „neuer Wirkmechanismus“, „Auswirkung auf die tägliche Praxis“, „wissenschaftlicher Wert“, „verbesserte Sicherheit“, „weitverbreiteter Gebrauch und Einfluss auf das Feld“, „Bequemlichkeit der Einnahme“ und zuletzt „Anwendung in verschiedenen Indikationen“.

Für die Psychiatrie wurde der selektive Serotonin-Rückaufnahmehemmer Fluoxetin auf Platz 1 gewählt. Hierfür wurden vor allem zwei Gründe angegeben: „Veränderte die Behandlung von Depressionen durch die bessere Verträglichkeit und geringere Toxizität im Vergleich zu trizyklischen Antidepressiva und Monoaminoxydase-Hemmern.“ (verbesserte Sicherheit). Als zweiter Grund wurde genannt: „Erster SSRI mit Einfluss auf die psychiatrische Praxis weltweit. Leitete eine Ära neuer Antidepressiva ein“. (weitverbreiteter Gebrauch und Einfluss auf das Feld).

Dicht gefolgt wurde die Wahl von Fluoxetin durch das Antipsychotikum Clozapin. Hierfür wurde als wesentlicher Grund angegeben: „Führte eine neue Gruppe von Substanzen für die Behandlung von Psychosen ein.“ (neuer Wirkmechanismus). Kein anderes Psychopharmakon hatte in der Expertenbefragung sonst eine auch nur marginale Bedeutung.

Mit Fluoxetin und Clozapin wurden zwei Substanzen gewählt, die in den USA seit rund 25 Jahren verfügbar sind. Fluoxetin wurde im Dezember 1987 in den USA zugelassen, in Deutschland 1990. Clozapin wurde in den USA 1989 zugelassen. In den deutschsprachigen Ländern wurde die Substanz sogar schon 1972 eingeführt. Auch dies symbolisiert die Krise, in der die Entwicklung neuer Psychopharmaka steckt. Die Neuentwicklungen der letzten 25 Jahre werden nur noch als inkrementelle Fortschritte betrachtet. Interessanterweise wird mit Fluoxetin eine Substanzgruppe (SSRI) als herausragende Innovation bewertet, die in der Laienpresse (und von einigen Fachleuten) als nur marginal wirksam und zum Teil gefährlich eingestuft wird (siehe dazu auch meinen Beitrag vom 7. März 2013).

Hervorgehoben werden muss hier noch, dass die „verbesserte Wirksamkeit“ und der „neue Wirkmechanismus“ als die beiden mit Abstand wichtigsten Kriterien betrachtet werden, die eine Innovation kennzeichnen. Die Autoren des Artikels fordern die pharmazeutische Industrie auf, ihre Entwicklungsanstrengungen auf Substanzen zu richten, die diese Anforderungen erfüllen.

Hier sind die jeweils erst- und zweitplatzierten Substanzen aller 15 Fachrichtungen (zum Teil wurden Substanzklassen und nicht einzelne Substanzen gewählt:

  • Anästhesie: 1) Propofol 2) Remifentanil
  • Kardiologie: 1) Lovastatin 2) ACE-Inhibitoren
  • Dermatologie: 1) TNF-Antagonisten 2) Onabotulinumtoxin A
  • Endokrinologie: 1) Bisphosphonate 2) Metformin
  • Gastroenterologie: 1) Omeprazol 2) TNF-Antagonisten
  • Infektionskrankheiten: 1) HIV-Proteaseinhibitoren 2) Zidovudin
  • Genetik: 1) Alglucerase 2) Nitisinon
  • Nephrologie: 1) ACE-Inhibitoren 2) Epoetin Alfa
  • Neurologie: 1) Sumatriptan 2) Interferon beta-1b und beta-1a
  • Onkologie: 1) Imatinib 2) Rituximab
  • Ophthalmologie: 1) Anti-VGEF-Substanzen 2) Latanoprost
  • Psychiatrie: 1) Fluoxetin 2) Clozapin
  • Lungenheilkunde: 1) Epoprostenol 2) Fluticason/Salmeterol-Kombination
  • Rheumatologie: 1) TNF-Antagonisten 2) Bisphosphonate
  • Urologie: 1) Sildenafil 2) Tamsulosin

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