Erhöhter Blutzucker erhöht das Demenzrisiko – auch ohne Diabetes mellitus

In der aktuellen Ausgabe des New England Journal of Medicine berichtet ein Konsortium von Wissenschaftlern aus Seattle und Boston über ihre große Longitudinalstudie zum Zusammenhang zwischen Blutzucker und Demenzrisiko (Crane et al., N Engl J Med 2013; 369: 540-548). Verschiedene – aber nicht alle – Studien zum Zusammenhang zwischen Diabetes mellitus und Demenz legen nahe, dass ein Diabetes das Risiko für die Entwicklung einer Demenz erhöht. Die vorliegende Studie untersuchte erstmals, ob ein erhöhter Blutzucker auch dann das Demenzrisiko erhöht, wenn kein Diabetes mellitus vorliegt.

Die Teilnehmer an der Studie wurden aus der Adult Changes in Thought (ACT)-Studie rekrutiert. Dabei handelt es sich um eine Studie an nicht an einer Demenz erkrankten Personen im Alter über 65 Jahren, die sich alle zwei Jahre einer Untersuchung unterzogen, um Zeichen einer (beginnenden) Demenz festzustellen. Von den Teilnehmern mussten mindestens fünf Blutglukosekonzentrationen (oder Hämoglobin A1c bzw. Ergebnisse eines älteren Assays, die in Hb A1C-Werte umgerechnet wurden) aus den beiden Jahren vor Studieneinschluss vorliegen. Letztendlich wurden 2067 Personen in die Studie eingeschlossen. Das Demenzscreening wurde mit dem Cognitive Abilities Screening Instrument durchgeführt. Bei Auffälligkeiten in diesem Test wurde eine umfangreichere Diagnostik in die Wege geleitet. Gemessene Hb A1c-Werte wurden mittels der folgenden Formel in mittlere Blutzuckerwerte umgerechnet:

Mittlere tägliche Blutzuckerkonzentration = (28.7 × Hämoglobin A1c) – 46.7

Das Vorliegen eines Diabetes wurde anhand der Rezeptierung von Antidiabetika definiert. Erhielt ein Teilnehmer mindestens zwei Rezepte für Antidiabetika pro Jahr, so wurde vom Vorliegen eines Diabetes ausgegangen.

Von den 2067 Studienteilnehmern lagen 35264 Blutzuckerwerte und 10208 Werte für Hb A1c (bzw. dessen älteres Pendant) vor. 232 der Teilnehmer hatten bei Studieneinschluss einen Diabetes. Während der fünf Jahre vor Studienbeginn lag der mediane Blutzuckerwert bei Personen ohne Diabetes bei 101 mg/dl, bei den Personen mit Diabetes bei 175 mg/dl. Es erfolgte ein Follow-Up über im Mittel 6,8 Jahre.

Bei 524 (25,4%) der 2067 Studienteilnehmer entwickelte sich eine Demenz. 403 Teilnehmer litten an einer möglichen oder wahrscheinlichen Alzheimer-Demenz, 55 an einer vaskulären Demenz und 66 an einer Demenz anderer Ursache. Bei den Teilnehmern, die bei Studieneintritt keinen Diabetes hatten, erhöhte eine mittlere Glukosekonzentration von 115 mg/dl im Vergleich zum Referenzwert 100 mg/dl das Demenzrisiko um knapp 20% (Hazard Ratio 1,18, Konfidenzintervall 1,04 – 1,33; p = 0,01). Bei den Teilnehmern, die bei Studieneinschluss einen Diabetes aufwiesen, wurden 160 mg/dl als Referenzwert betrachtet. Eine Erhöhung der mittleren Glukosekonzentration auf 190 mg/dl erhöhte das Demenzrisiko um 40% (Hazard Ration 1,40, Konfidenzintervall 1,12 – 1,76; p = 0,002).

Die Autoren der Studie schließen aus ihren Ergebnissen, dass jede Erhöhung des Blutzuckers, nicht nur auf eindeutig pathologische Werte, wie sie im Rahmen eines Diabetes mellitus gemessen werden, das Risiko für eine Demenz erhöht. Sie betonen die Bedeutung von Übergewicht und Diabetes in den meisten Gesellschaften und die Notwendigkeit für blutzuckersenkende Maßnahmen. Leider fehlt in der Publikation jede Aussage zu der wichtigen Frage, ob das Vorliegen eines Diabetes mellitus an sich das Risiko für eine Demenz erhöht. So waren am Ende des Beobachtungszeitraums 343 (bei Studienbeginn 232) an einem Diabetes erkrankt, und von diesen litten 74 an einer Demenz, das waren 21,6%. Von den 1724 Teilnehmern, die auch am Ende des Follow-Up nicht an einem Diabetes erkrankt waren, litten immerhin 450 an einer Demenz, das waren 26,1%. Dieses Ergebnis wird leider nicht weiter diskutiert oder zumindest analysiert. Weil es nicht zu der Story passt?

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