Romantische Liebe: Alles nur Neurobiologie?

Diesen Post widme ich meiner großen Liebe.

Mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) ist es seit einigen Jahren auch möglich, das neurobiologische Substrat von sehr subjektiven mentalen Zuständen, wie der romantischen Liebe, zu untersuchen. Der einflussreiche Londoner Neurowissenschaftler Semir Zeki hat dazu mehrere Arbeiten verfasst (z.B. Zeki, FEBS Letters 2007, 581: 2575-2579), deren Essenz ich hier kurz zusammenfassen möchte.Zeigt man verliebten Menschen Bilder ihres Partners, so zeigen sich in der fMRT – unabhängig vom Geschlecht – charakteristische Aktivierungen in der medialen Inselrinde, dem anterioren Cingulum und dem posterioren Hippocampus. Subkortikal kommt es zu Aktivierungen in Teilen der Basalganglien einschließlich des Nucleus accumbens, Hirnstrukturen, die als Teile des sog. Belohnungssystems des Menschen eine Rolle spielen. Es verwundert nicht, dass die Hirnregionen, die bei sexueller Erregung aktiv sind, mit den o.g. überlappen, aber nicht identisch sind. Interessanterweise werden im gleichen Maße bei verliebten Menschen, denen man Bilder ihres Partners zeigt, auch Deaktivierungen insbesondere von kortikalen (frontalen, temporalen und parietalen) Hirnarealen beobachtet. Vor allem auf die Verminderung frontaler Hirnaktivität kann man den Verlust an kritischer Distanz und Urteilsvermögen zurückführen. „Liebe macht blind“, vor allem hinsichtlich der Fehler und Mängel des geliebten Menschen. Auch die Amygdala, die bei Präsentation von furchterregenden Reizen aktiviert wird, ist bei frisch Verliebten vermindert aktiv. Die Verminderung der Aktivierung des komplexen Netzwerkes aus frontalen und parieto-temporalen Kortizes und der Amygdala, das normalerweise zur Erkennung von Emotionen und Intentionen des Gegenübers aktiviert wird (in der Neurobiologie als „Mentalizing“ oder „Theory of Mind“ bezeichnet), führt zur Auflösung der Grenzen des verliebten Paares, ein Zustand, der als Höhepunkt und Ideal der romantischen Liebe betrachtet wird. Für den Beobachter wirken Verliebte in diesem Zustand als „verrückt“ und des kritischen Urteils dem Partner gegenüber unfähig.

Neurochemisch spielt die Ausschüttung von Dopamin sowohl bei der Paarbildung als auch beim Sex eine zentrale Rolle. Die meisten der o.g. Hirnregionen, die bei frisch Verliebten aktiviert werden, besitzen eine reiche dopaminerge Innervation. Die Beobachtung, dass Liebesbeziehungen Suchtcharakter annehmen können, unterstreicht die besondere Bedeutung dieses Neurotransmitters im Rahmen von Suchterkrankungen. Besonders bemerkenswert ist, dass im gleichen Maße die Aktivität serotonerger Neurone reduziert wird, und zwar auf ein Niveau, wie man es von Menschen mit Zwangsstörung kennt. Verliebte sind vom Partner „besessen“, ihr Denken kreist nur noch um den geliebten Menschen. Auch die Konzentrationen von Nerve Growth Factor (NGF) sind bei frisch Verliebten im Vergleich zu Menschen ohne Partner und Menschen in langdauernden Partnerschaften deutlich erhöht, und seine Konzentration korreliert mit dem Ausmaß romantischer Gefühle. Schließlich weiß man seit einigen Jahren um die besondere Bedeutung von Oxytocin (und zum Teil Vasopressin) für die Entstehung sozialer Bindungen. Die Konzentrationen von Oxytocin steigen gerade in der Phase der Paarbildung dramatisch an. Auch hier ist es nicht verwunderlich, dass Oxytocin auch beim Orgasmus ausgeschüttet wird.

Ist nun die romantische Liebe ein rein biologisches Phänomen? Hat die Neurobiologie auch dieses menschlichste aller Gefühle demystifiziert? Können wir Liebe eines Tages durch Verabreichung von Pharmaka oder Stimulation von bestimmten Hirnarealen erzeugen? Oder das Ausmaß romantischer Gefühle auf gleiche Weise reduzieren, wenn uns die Liebe zu „verrückt“, zu „blind“, zu „besessen“ macht? Stehen nicht schon jetzt mit den selektiven Serotonin-Rückaufnahmehemmern (SSRI) Medikamente zur Verfügung, mit denen wir einige überschießende Auswüchse der Liebe reduzieren könnten? Liebe, auch romantische Liebe, hat eine biologische Basis und eine wichtige Funktion im Rahmen der Arterhaltung. Aber ich bin davon überzeugt, dass Liebe eine darüber hinausgehende, existentielle Bedeutung für den Menschen hat. Ohne dieses transzendente Element der Liebe gäbe es keinen Werther, keine Romeo und Julia, keine Anna Karenina, ja wahrscheinlich keine Musik, keine Kunst, keine Literatur. All dies hebt den Menschen über den biologischen Mechanismus hinaus und macht ihn zu dem letztlich nicht verstehbaren Wesen, das ständig auf der Suche nach dem Sinn seiner selbst ist.

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2 Gedanken zu „Romantische Liebe: Alles nur Neurobiologie?

  1. Auf den versuch ob es alles nur Neurobiologie und Vorprogrammiert ist was wir tuen und lieben, sollte man vielleicht die Ebenen beachten. Auf der 1 Ebene kann man sehr gut nachweißen wie oben beschrieben das das Dopamin gerade zu hoch geht wenn man frisch verliebt ist. Auf der Ebene 3 können glaub ich Wissenschaftler auch schon viel sehen. Bei einem Bild von Paris Hilton, reagieren zu mindestens bei manchen Männern bestimmte Hirnareale :-). Also wie ist die Frage zu beantworten > Alles nur Neurobiologie ? < Ich glaube auch das wir mehr sind.

    Was ist mit der zweiten Ebene die Gedanken ?

    Im 1 Weltkrieg lagen Deutsche und Franzosen hoffnungslos in ihren Schützengräben und schreckten auch von dem Einsatz von Giftgas nicht zurück.
    Dann war heilig Abend und es passierte etwas was mich an den Menschen und seine Liebe glauben lässt. An bestimmten Schützengräben feierten Franzosen und Deutsche zusammen Weihnachten. Diesen Akt der Menschlichkeit und Liebe kann man nicht messen.

    Also anstatt das Wissenschaftler und Gläubige aufeinander losgehen, sollten sie vielleicht akzeptierten das die Wahrheit in der Mitte liegt.

    Allen Lesern ein schönes Wochenende 🙂

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