Neues zur antidepressiven Wirkung von Ketamin

In der Print-Ausgabe von Biological Psychiatry vom 15. August 2013 finden sich zwei Artikel und ein Editorial zu der antidepressiven Wirkung von Ketamin und anderen NMDA-Rezeptorantagonisten, die es wert sind, weiter diskutiert zu werden.James Murrough von der Mount Sinai School of Medicine in New York und Kollegen berichten über ihre Behandlung von 24 Patienten mit einer therapieresistenten Depression mit sechs intravenösen Infusionen mit Ketamin innerhalb eines Zeitraumes von 12 Tagen (21 der Patienten erhielten alle sechs Infusionen, drei nur eine bzw. zwei) (Murrough et al., Biol Psychiatry 2013; 74: 250-256). Auch wenn der Nachteil der Studie ist, dass die Behandlung offen und unkontrolliert erfolgte, so ist dies doch die größte publizierte Gruppe von Patienten, die mit Ketamin behandelt wurde. Die Patienten waren im Mittel 48 Jahre alt. Ihre Erkrankung hatte im Mittel im Alter von 23 Jahren begonnen, die aktuelle Episode war im Mittel bereits mit sechs Antidepressiva behandelt worden. Bei Behandlungsbeginn wiesen die Patienten einen Montgomery-Asberg-Depressions-Rating-Scale (MADRS) Score von 32 Punkten auf. Innerhalb von zwei Stunden nach der ersten Infusion fiel der Score dramatisch um 19 auf im Mittel 13 Punkte. 17 der 24 Patienten  waren Responder (70,8%), wobei Response als Reduktion des MADRS-Scores um mindestens 50% definiert wurde. Nach vier Stunden separierten Responder (MADRS-Score 10,35) klar von Non-Respondern (MADRS-Score 19,0). Auch die Non-Responder wiesen jedoch eine signifikante Reduktion von Traurigkeit, Spannung sowie pessimistischen und suizidalen Gedanken auf. Bei den Respondern wurde die Besserung der Psychopathologie über den gesamten Behandlungszeitraum von 12 Tagen aufrechterhalten.

Die Responder wurden über einen Zeitraum von bis zu 83 Tagen weiterverfolgt. Die mediane Zeit bis zum Rückfall war 18 Tage (24. und 75. Perzentile 11 und 27 Tage). Vier der Patienten waren nach 83 Tagen noch rückfallfrei.

Ketamin führte zu einer milden Zunahme von psychotischen und dissoziativen Symptomen, die vier Stunden nach Ende der Infusion wieder abgeklungen waren.

In der zweiten Studie berichten Carlos Zarate vom National Institute of Mental Health, Bethesda, Maryland, USA, und Kollegen über ihre in Kooperation mit AstraZeneca durchgeführte Studie mit der experimentellen Substanz AZD6765 (Zarate et al., Biol Psychiatry, 2013; 15; 74: 257-264). Während Ketamin mit hoher Affinität an den NMDA-Rezeptor bindet, hat AZD6765 eine nur moderate Affinität. Man verspricht sich davon eine geringe Inzidenz von psychotischen und dissoziativen Symptomen. In Studien der klinischen Phase I wurden nach AZD6765 keine psychotischen Symptome beobachtet.

22 Patienten mit einer Depression wurden in die Studie eingeschlossen. Sie erhielten in einem doppelblinden Crossover-Design randomisiert eine einzelne Infusion von AZD6765 (150 mg) und Placebo im Abstand von einer Woche. Der mittlere MADRS-Score bei Behandlungsbeginn betrug ca. 34 Punkte (genaue Zahlenwerte sind im Paper nicht angegeben, daher graphisch ermittelt). Die Patienten hatten sich im Mittel sieben Behandlungsversuchen mit Antidepressiva unterzogen, 45% hatten nicht auf eine Elektrokrampfbehandlung angesprochen. 80 Minuten nach Infusion von AZD6765 fiel der Score auf im Mittel ca. 25 Punkte, nach Placebo auf im Mittel 30 Punkte. Dieser Unterschied war statistisch signifikant (p < 0,01). Auch nach 110 Minuten wiesen Patienten nach AZD6765 noch einen signifikant niedrigeren MADRS-Score auf (ca. 26 vs. ca. 30 Punkte, p < 0,05). 230 Minuten nach der Infusion waren die beiden Gruppen jedoch nicht mehr signifikant voneinander unterschieden. Sieben von 22 Patienten (32%) wiesen eine Response auf AZD6765 auf, drei auf Placebo (15%). AZD6765 hatte somit eine rasche antidepressive Wirkung, die jedoch nur kurz anhielt. Unerwünschte Wirkungen waren unter der experimentellen Substanz nicht häufiger als unter Placebo. Insgesamt waren die Effekte von AZD6765 deutlich geringer ausgeprägt und kurzdauernder als jene von Ketamin. Studien mit höheren Dosierungen und wiederholten Infusionen sind notwendig, um den Stellenwert der Substanz in der Therapie depressiver Störungen weiter auszuloten.

Die beiden Studien zeigen, dass die Entwicklung von Pharmaka, die die glutamaterge Funktion modulieren, Anlass zur Hoffnung für die bessere und schnellere Behandlung von (therapieresistenten) Depressionen gibt.

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3 Gedanken zu „Neues zur antidepressiven Wirkung von Ketamin

  1. Studien sind rar und off-label verschreiben das wohl nur die allerwenigsten Ärzte. Richtige Medikamente schwarz zu kaufen ist schwer und meist unbezahlbar und bei Pulver aus Drogenküchen weiß man nie, was drin ist. Man sollte es lieber lassen. Falls man es nicht lässt: Auf keinen Fall gleich i.v. und nur sehr wenig (gerade bei S-Ketamin) und nicht alleine dabei sein. Gestreckt sein kann es mit Koffein, unwirksamen (trotzdem schädlichen Zeug) bis LSD. Gerade bei psychischen Krankheiten kann das nach hinten losgehen! Ich würde mich freuen, wenn mehr Ärzte eine behandlungsresistente Depression als lebensgefährlichen Zustand einschätzen, aber statt dem mit Zwangseinweisungen zu entgegnen, auch unkonventionelle Wege gehen um den Patienten zu helfen und nicht nur um sich selbst abzusichern. Das gilt nur für Patienten mit etlichen Medikamentenversuchen, vielen EKTs und Krankheit über viele Jahre. Die Studien sind doch recht eindeutig und kontrollierte Einnahmen kontrollierter Substanzen besser als gepunschtes Zeug. Bei der Elektrokrampftherapie bekommt man 8-20 Vollnarkosen in einem kurzem Zeitraum. Was ist dagegen Ketamin in nicht hoher Dosis? Und die EKT hat meist auch keine lange Wirkung. Sie steht aber als Regelleistung bei therapieres. Depressionen drin. Ist vielleicht auch noch zu schnell um Ketamin aufzunehmen, aber Patienten eine Substanz vorzuenthalten, die schnell und einfach wirkt (und Leben rettet) ist Mist, wobei Ärzte sicher auch mehr abgesichert sein müssen bei solchen individuellen Heilversuchen.

    • Mit raren Studien (erster Satz) meine ich Behandlungsoptionen für Kranke (wenig Studienplätze). Insgesamt gibt es nun ja schon viele Studien, die die Wirksamkeit belegen.

  2. Alles was nur irgendwie helfen kann den Zustand der Depression zu verbessern ist willkommen. Niemand, der es nicht persönlich erlebt hat, kann den furchtbaren Zustand erahnen,den die Leidenden erleben. Jede Erleichterung ist willkommen und das Gefühl des Leidenden nur kurze Zeit zu unterbrechen ist schon ein Segen. Es sollte experimentiert werden wann immer ein Hoffnungsschimmer für die Betroffenen winkt. Jeder Junkie hat bessere Lebensqualität als ein Depressiver, da er zumindest zeitweilig aus seinem Elend zu fliehen in der Lage ist.

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