Mobbing bei Jugendlichen erhöht das Risiko für psychotische Symptome

In der Juli-Ausgabe des American Journal of Psychiatry berichten Ian Kelleher aus Dublin und Kollegen eines internationalen Forscherkonsortiums über den Zusammenhang zwischen traumatischen Kindheitserfahrungen und dem Auftreten von psychotischen Symptomen (Kelleher et al., Am J Psychiatry 2013; 170: 734-741). Die Studie ist Teil einer großen EU-geförderten, in 11 Ländern durchgeführten Studie zur Suizidprävention bei Jugendlichen (Saving and Empowering Young Lives in Europe, SEYLE). Aus Deutschland ist die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg an SELYE beteiligt. Die Autoren untersuchten eine repräsentative Stichprobe von Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren an irischen Schulen.

Eingeschlossen wurden 1112 Jugendliche, 92% davon im Alter zwischen 13 und 14 Jahren, 45% weiblich. Bei der Baseline-Untersuchung wurden die Jugendlichen anhand standardisierter Fragebögen einerseits nach (physischen) Gewalterfahrungen, andererseits nach Mobbing befragt. Nach drei und dann erneut nach 12 Monaten fand eine Wiederholungsuntersuchung statt. Physische Gewalt wurde durch die folgende Frage erfasst: „Bist Du in den letzten zwölf Monaten körperlich angegriffen worden?“. In einer zweiten Frage wurde erfasst, von wem die Gewalt ausging (Eltern, anderer Angehöriger, Schulkamerad, Bekannter, Unbekannter). Die Erfahrung von Mobbing wurde mit sechs Fragen erfasst: „Wurden in den letzten sechs Monaten Gerüchte über Dich verbreitet? Wurdest Du gehänselt? Aus Aktivitäten ausgeschlossen? Wurde Dir Geld, Eigentum oder Essen weggenommen? Mit Schimpfworten belegt? Hat man sich über Dein Aussehen oder die Art, wie Du redest, lustig gemacht?“ Aus diesen sechs Ja/Nein-Fragen wurde ein Score von 0 bis 6 gebildet. Psychotische Erfahrungen wurden mit der folgenden Frage erfasst: „Hast Du jemals Stimmen oder Geräusche gehört, die niemand sonst hören kann?“.

Zum Zeitpunkt der Baseline-Untersuchung berichteten 7% (n = 77) der Teilnehmer über psychotische Symptome. 10% berichteten über physische Gewalterfahrungen im Laufe der letzten 12 Monate (45% durch einen Schulkameraden, 16% durch einen Angehörigen, 14% durch einen Bekannten und 37% durch einen Unbekannten; einige Jugendliche wurden von mehr als einer Seite angegriffen, daher summieren sich die Prozentzahlen auf mehr als 100%). Immerhin 39% der Befragten (n = 409) waren bei der Baseline-Untersuchung während der vorangegangenen 12 Monate Opfer von Mobbing.

Sowohl die Erfahrung physischer Gewalt als auch von Mobbing erhöhte das Risiko, dass bei einer der beiden Follow-Up-Untersuchungen psychotische Symptome berichtet wurden, sehr deutlich. 9,5% der Opfer von Mobbing berichteten nach drei Monaten und 6,9% nach 12 Monaten über psychotische Symptome. Das entspricht einer Risikoerhöhung um das 4,4- bzw. 3,4-fache. Noch deutlicher waren die Auswirkungen physischer Gewalt: 13,3% der Gewaltopfer berichteten nach drei Monaten und 12,9% nach 12 Monaten über psychotische Symptome. Damit war das Risiko 4,8- bzw. 6,2-fach erhöht.

Mit dem Schweregrad des Mobbings nahm das Risiko für psychotische Symptome deutlich zu: Jugendliche, die bei der Baseline-Untersuchung nur eine der Fragen mit „Ja“ beantworteten, hatten ein 3,5-fach erhöhtes Risiko, zu jenem Zeitpunkt schon psychotische Symptome zu erleben. Nach drei bzw. 12 Monaten war es 1,5- bzw. 3,8-fach erhöht. Jugendliche, die bei der Baseline einen Score von „3“ oder höher aufwiesen, hatten ein 9,5-fach erhöhtes Risiko, nach drei Monaten war es 5- bzw. nach 12 Monaten 7,9-fach erhöht.

Vielleicht noch wichtiger ist die Beobachtung, dass bei Beendigung des Mobbings das Risiko für psychotische Symptome wieder abnahm. Bei Jugendlichen, die bei der Baseline-Untersuchung angegeben hatten, gemobbt zu werden, dies jedoch nach drei bzw. 12 Monaten nicht mehr berichteten, reduzierte sich das Risiko für psychotische Symptome um 60-70% im Vergleich zu Jugendlichen, die dem Mobbing kontinuierlich ausgesetzt waren.

Umgekehrt prädizierte das Erleben von psychotischen Symptomen bei der Baseline-Untersuchung das Erleben von physischer Gewalt bzw. Mobbing zu den beiden Follow-Up-Zeitpunkten. Das Risiko wurde um das 5- bis 12-fache erhöht.

Diese wichtige Studie zeigt einen bidirektionalen Zusammenhang zwischen traumatischen Kindheitserlebnissen und psychotischen Symptomen. Sie legt nahe, dass präventive Maßnahmen, die zur Reduktion von Missbrauch im Elternhaus und Mobbing in der Schule führen, auch zu einer Verringerung der Häufigkeit von schweren psychischen Störungen, wie z.B. Psychosen, führen könnten.

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