Depression in der Schwangerschaft: Behandeln oder nicht behandeln?

Das Auftreten einer Depression in der Schwangerschaft stellt eine besondere therapeutische Herausforderung dar, sind doch hier Nutzen und Risiken einer Pharmakotherapie besonders sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Wenn die Indikation für eine antidepressive Pharmakotherapie in der Schwangerschaft überprüft wird, wird gerne vergessen, dass nicht nur die medikamentöse Therapie mit Risiken assoziiert ist, sondern auch eine mögliche Nicht-Behandlung. Wissenschaftler von der University of Pittsburgh und der Case Western Reserve University in Cleveland berichten nun im American Journal of Psychiatry über ihre Beobachtungsstudie an 174 Müttern und deren Kindern, die sie über ein Jahr nach der Geburt beobachteten (Wisner et al., 2013). 97 der Mütter mit ihren Kindern stellten die Kontrollgruppe dar. Sie waren nicht an einer Depression erkrankt und demzufolge auch nicht mit einem Antidepressivum behandelt. 46 Mütter waren in der Schwangerschaft wegen einer depressiven Störung mit einem Antidepressivum (SSRI) behandelt worden, 30 davon über die gesamte Dauer der Schwangerschaft. 31 Mütter waren erkrankt, aber nicht behandelt worden, acht davon über die gesamte Dauer der Schwangerschaft. Gewicht, Größe und Kopfumfang der Kinder wurden zu vier Zeitpunkten nach der Geburt gemessen: 2, 12, 26 und 52 Wochen.

Das Ergebnis der Studie ist schnell zusammengefasst: Weder die Kinder der Mütter, die in der Schwangerschaft antidepressiv behandelt worden waren, noch die Kinder der Mütter, deren Depression nicht behandelt worden war, unterschieden sich hinsichtlich Gewicht, Größe oder Kopfumfang zu irgendeinem Zeitpunkt von der gesunden Kontrollgruppe. Allerdings wiesen die Kinder der mit einem SSRI behandelten Mütter zum Zeitpunkt der Geburt eine signifikant geringere Körpergröße auf als die beiden anderen Gruppen, zudem waren die Kinder der Mütter, die mit einem SSRI behandelt worden oder einer unbehandelten Depression ausgesetzt waren, zum Geburtszeitpunkt tendenziell – nicht statistisch signifikant – leichter. Die Mütter, die mit einem SSRI behandelt worden waren, hatten signifikant häufiger Frühgeburten (Schwangerschaftsdauer < 37 Wochen). In der Gruppe der Kinder, die pränatal einem SSRI ausgesetzt waren, waren zudem signifikant weniger männliche Säuglinge.

Da die Gruppen in der aktuellen Publikation relativ klein sind, kann nicht ausgeschlossen werden, dass doch Gruppenunterschiede bestehen, die sich hier nicht finden ließen. Zudem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Eine Randomisierung (Behandlung versus nicht-Behandlung) ist aus ethischen Gründen äußerst problematisch. Daher unterschieden sich die Gruppen in der vorliegenden Studie auch in wesentlichen demographischen Parametern. So waren in der Gruppe der Mütter, deren Depression nicht behandelt worden war, signifikant mehr Frauen aus ethnischen Minoritäten (Nicht-Weiße). Sie wiesen zudem einen signifikant niedrigeren Bildungsstand auf und waren häufiger Single.

In einem begleitenden Editorial in der gleichen Ausgabe des Journals stellt Barbara Parry von der University of California in San Diego die Frage nach Parametern der kindlichen Entwicklung bei Kindern, deren Mütter pränatal an einer Depression erkrankt sind und ggf. auch medikamentös dagegen behandelt wurden, die über rein körperliche Maße hinausgehen, nämlich der neurokognitiven Leistung und der sozial-emotionalen Entwicklung. Diese Daten sind mit Wahrscheinlichkeit von Wisner und Mitarbeitern in Zukunft zu erwarten.

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4 Gedanken zu „Depression in der Schwangerschaft: Behandeln oder nicht behandeln?

  1. An dieser Stelle erst mal vielen Dank für die vielen wertvollen Informationen, die man in diesem Beitrag / Blog finden kann. Das Internet ist ja voll mit Informationen zum Thema Schwangerschaft und leider lassen sich viele werdende Mütter gerade beim ersten Kind total irre machen. Da ich selber einen Sohn habe, weiß ich nur zu gut, wie ein Kind das Leben schlagartig verändert. Wie gesagt, Daumen hoch für den Blogbetreiber / Blogbetreiberin für die Zeit bzw. Arbeit, die hier investiert wird. Gerade wenn man Kinder hat, ist es schon ein Kunststück sich für sowas Zeit zu nehmen. Liebe Grüße

  2. Frage an Prov.Gerhard Gründer

    Welche Studien gibt es über den Wirkstoff Agomelatin (Valdoxan)
    Wie ist die Affinität zu Melatonin-Rezeptoren zu werten?
    Und kann dieser Wirkstoff tatsächlich circadiane Rhythmen
    resynchronisieren?

    • Bezieht sich Ihre Frage auf Agomelatin in der Schwangerschaft oder ist dies eine ganz allgemeine Frage bezüglich der Substanz? Wenn Sie Letzteres meinen: Es gibt zahlreiche placebo- und aktiv-kontrollierte Studien, die ich hier nicht zusammenfassen kann. Die Affinität zu Melatoninrezeptoren ist hoch. Und nicht nur Studien an Tieren, sondern auch an Menschen, legen nahe, dass Agomelatin zu einer Resynchronisation circadianer Rhythmen führt.

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